Eigentlich sollte es ein normales Al-Jardine-Konzert werden
Na ja.
So normal ein Konzert sein kann, bei dem ungefähr 60 Jahre Popgeschichte auf der Bühne stehen.
Am 11. Oktober 2026 trat Beach-Boys-Gründungsmitglied Al Jardine mit seiner Pet Sounds Band im Cerritos Center for the Performing Arts in Kalifornien auf.
Anlass war unter anderem ein ziemlich rundes Jubiläum:
Nur einen Tag zuvor war „Good Vibrations“ 60 Jahre alt geworden.
Der Beach-Boys-Klassiker erschien am 10. Oktober 1966 und gilt bis heute als eines der aufwendigsten und wichtigsten Popstücke seiner Zeit.
Jardine hatte bereits angekündigt, das Jubiläum bei seinen aktuellen Konzerten zu feiern.
Was in Cerritos anschließend passierte, ging allerdings weit über eine normale Jubiläumsshow hinaus.
Zuerst taucht David Marks auf
Nach einem Auftakt mit Songs wie „California Girls“, „Do It Again“, „Catch a Wave“, „Hawaii“ und „Surfer Girl“ bekam das Publikum den ersten besonderen Gast.
David Marks kam auf die Bühne.
Marks gehört zur ganz frühen Geschichte der Beach Boys.
Er spielte bereits Anfang der 1960er-Jahre mit der Gruppe und war als Teenager an mehreren der ersten Aufnahmen beteiligt.
In Cerritos übernahm er bei „Surfin’ Safari“ sogar den Leadgesang.
Anschließend spielte er bei „Don’t Worry Baby“ Gitarre und blieb für „Little Deuce Coupe“ und „I Get Around“ auf der Bühne.
Gerade für langjährige Fans war das mehr als ein beliebiger Gastauftritt.
Marks spielte schließlich bereits auf einigen dieser Songs, als sie überhaupt erst entstanden.
Mehr als sechs Jahrzehnte später steht derselbe Musiker wieder auf einer Bühne und spielt sie noch einmal.
Popgeschichte kann manchmal erstaunlich direkt sein.
Dann kommt Bruce Johnston – und plötzlich wird es zur Reunion
Die nächste Überraschung hatte allerdings noch einmal eine andere Bedeutung.
Bruce Johnston betrat die Bühne.
Johnston kam 1965 zu den Beach Boys und gehörte über Jahrzehnte zu den wichtigsten Stimmen und Musikern der Band.
Noch Anfang 2026 war er Teil der von Mike Love angeführten Beach-Boys-Tourband.
Im Februar endete diese Zusammenarbeit.
Dass Johnston nun bei Jardines Konzert auftauchte, sorgte deshalb für einiges Aufsehen.
Vor allem, weil Jardine und Johnston nach Angaben rund um das Konzert seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gemeinsam auf einer Bühne gestanden hatten.
Plötzlich standen mit Jardine, Johnston und Marks drei Musiker zusammen, die ganz unterschiedliche Kapitel der Beach-Boys-Geschichte repräsentieren.
Und dann wurde natürlich gesungen.
Bruce Johnston übernimmt sogar Dennis Wilsons Part
Johnston begann mit „Do You Wanna Dance?“.
Der Song gehört zu jenen Beach-Boys-Aufnahmen, bei denen ursprünglich Dennis Wilson den Leadgesang übernahm.
Johnston sang die Nummer in Cerritos als Hommage an seinen verstorbenen ehemaligen Bandkollegen.
Danach folgte „You’re So Good to Me“.
Schon dieser Abschnitt hätte vermutlich gereicht, damit sich das Konzert für Beach-Boys-Fans wie ein ziemlich außergewöhnlicher Abend anfühlt.
Doch Al Jardine war noch lange nicht fertig.
Danach wird ein komplettes Kultalbum ausgepackt
Im zweiten Teil des Abends rückte ein Album in den Mittelpunkt, das innerhalb der Beach-Boys-Diskografie lange ein ziemlich eigenartiges Dasein geführt hat:
„The Beach Boys Love You“ von 1977.
Das Album entstand zu einem großen Teil unter Brian Wilsons kreativer Leitung und klingt deutlich ungewöhnlicher als viele der klassischen Beach-Boys-Platten.
Synthesizer.
Eigenartige Texte.
Sehr direkte Melodien.
Und ein Sound, den einige Fans lieben und andere wahrscheinlich beim ersten Hören einfach nur verwirrt zurücklässt.
Heute besitzt „Love You“ längst Kultstatus.
Jardine und seine Pet Sounds Band spielten das Album in Cerritos vollständig.
Damit bekam der Abend plötzlich noch eine weitere historische Ebene.
Marilyn Wilson singt ihren Part von 1977 noch einmal
Und genau dabei erschien ein weiterer unerwarteter Gast.
Marilyn Wilson-Rutherford, Brian Wilsons frühere Ehefrau, kam auf die Bühne.
Auf „The Beach Boys Love You“ sang sie 1977 gemeinsam mit Brian den Song „Let’s Put Our Hearts Together“.
Fast 50 Jahre später übernahm sie in Cerritos erneut ihre Gesangsparts.
Eingeführt wurde sie von ihrer Tochter Carnie Wilson.
Für Marilyn Wilson-Rutherford war dieser Auftritt eine echte Seltenheit: Seit der ursprünglichen Aufnahme hat sie das Lied nur extrem selten öffentlich gesungen.
Aus einem Konzert über die Musik der Beach Boys wurde damit endgültig eine Art Familientreffen.
Nur eines, bei dem die Familiengeschichte zufällig einige der berühmtesten Popsongs aller Zeiten hervorgebracht hat.
Dann kommt ein Song, der 47 Jahre auf seine Livepremiere warten musste
Als Zugabe entschied sich Jardine ausgerechnet für eine der größeren Raritäten des Abends.
„It’s a Beautiful Day“.
Der Song erschien 1979 und gehört nicht gerade zu den Titeln, die bei jeder Beach-Boys-Best-of-Sammlung ganz vorne stehen.
Noch bemerkenswerter:
Nach Angaben von Jardines Team und Rolling Stone wurde der Song in Cerritos zum ersten Mal überhaupt live von einem Mitglied der Beach Boys aufgeführt.
47 Jahre nach Veröffentlichung.
Manche Songs brauchen offenbar einfach ein bisschen Anlauf.
Für Hardcore-Fans dürfte diese Livepremiere allein schon Grund genug gewesen sein, den Abend anschließend ziemlich ausführlich im Internet zu dokumentieren.
Und dann kommt noch Jan & Dean dazu
Aber selbst damit war die Gästeliste nicht vollständig.
Für den abschließenden Block erschien Dean Torrence von Jan & Dean.
Jan & Dean waren in den 1960er-Jahren eng mit der südkalifornischen Surfmusikszene und den Beach Boys verbunden.
Brian Wilson arbeitete zeitweise sogar direkt mit dem Duo.
Torrence stieß jetzt in Cerritos zu Jardine, Johnston und Marks.
Gemeinsam spielten sie unter anderem „Help Me, Rhonda“.
Spätestens hier sah die Bühne endgültig weniger nach einem regulären Al-Jardine-Konzert und mehr nach einem Klassentreffen der kalifornischen Popmusik aus.
Carnie Wilson macht beim Finale ebenfalls mit
Für die letzten Songs kam auch Carnie Wilson wieder hinzu.
Gemeinsam ging es mit Klassikern wie „Surfin’ U.S.A.“ und „Fun, Fun, Fun“ ins Finale.
Das komplette Konzert verband damit mehrere Generationen und unterschiedliche Phasen der Beach-Boys-Geschichte.
Al Jardine als Gründungsmitglied.
David Marks aus den frühesten Jahren.
Bruce Johnston als jahrzehntelanges Mitglied.
Marilyn und Carnie Wilson mit der direkten Verbindung zu Brian Wilson.
Und Dean Torrence als Teil jener kalifornischen Surf-Pop-Szene, die sich mit der Geschichte der Beach Boys seit den frühen 60ern überschneidet.
Dass all diese Personen gleichzeitig auf einer Bühne auftauchen würden, war vorher keineswegs selbstverständlich.
Besonders emotional ist der Abend nach Brian Wilsons Tod
Das Jahr 2026 ist für die Beach-Boys-Geschichte ohnehin ein besonderes.
Brian Wilson starb am 11. Juni 2025 im Alter von 82 Jahren.
Seitdem haben die verbliebenen Musiker mehrfach betont, seine Musik weiter feiern zu wollen.
Jardines aktuelle Pet Sounds Band besitzt dabei eine besonders direkte Verbindung zu Wilson.
Mehrere ihrer Musiker arbeiteten jahrelang mit ihm.
Musical Director Darian Sahanaja gehörte zu Brian Wilsons engsten musikalischen Mitarbeitern.
Auch Jardines Sohn Matt Jardine ist Teil der Formation und übernimmt zahlreiche Gesangsparts.
Die aktuellen Konzerte funktionieren deshalb gleichzeitig als Beach-Boys-Show und als Hommage an Brian Wilson.
Ein Wiedersehen mit Johnston und Marks bekommt in diesem Zusammenhang automatisch noch einmal eine andere Bedeutung.
Ausgerechnet zur selben Zeit spielte Mike Love 3.000 Kilometer entfernt
Und dann bekommt dieser Abend noch eine merkwürdige Parallelgeschichte.
Während Jardine, Johnston und Marks in Kalifornien gemeinsam Beach-Boys-Songs spielten, stand Mike Love beinahe zeitgleich im Ryman Auditorium in Nashville auf der Bühne.
Love führt seit vielen Jahren die offizielle Beach-Boys-Tourformation an.
Der heute 85-Jährige kämpft allerdings mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen.
In Nashville musste er auf die Bühne begleitet werden und verbrachte den Abend größtenteils sitzend.
Die Leadgesänge überließ er anderen Mitgliedern seiner Band.
Welche Erkrankung genau hinter seinem aktuellen Zustand steckt, wurde nicht öffentlich gemacht.
Damit spielten am selben Abend mehrere der noch lebenden zentralen Beach-Boys-Musiker fast gleichzeitig Shows an zwei unterschiedlichen Enden der USA.
Nur unter völlig unterschiedlichen Umständen.
Al Jardine reagiert besorgt auf Mike Loves Zustand
Jardine erfuhr rund um seinen eigenen Auftritt, wie es Love bei dessen Konzerten ging.
In einem späteren Interview zeigte er sich davon stark getroffen.
Die beiden Musiker hatten über Jahrzehnte immer wieder Konflikte und stehen heute nicht gemeinsam auf Tour.
Trotzdem machte Jardine deutlich, dass ihn Loves Zustand erschüttert habe.
Er hoffe, dass sein früherer Bandkollege auf seine Gesundheit achte und nicht weiter auftrete, wenn es körperlich nicht mehr möglich sei.
Gerade dadurch bekommt das fröhliche Wiedersehen in Cerritos fast etwas bittersüßes.
Auf der einen Seite steht eine Bühne voller Musiker, die noch einmal gemeinsam ihre Geschichte feiern.
Auf der anderen Seite steht ein weiteres Gründungsmitglied, bei dem gerade unklar ist, wie lange Auftritte überhaupt noch möglich sein werden.
Eine vollständige Beach-Boys-Reunion wird es nicht mehr geben
Natürlich stellt sich bei solchen Bildern sofort die klassische Frage:
Könnte daraus noch einmal eine größere Reunion entstehen?
Eine Wiedervereinigung wie 2012 ist heute allerdings nicht mehr möglich.
Dennis Wilson starb bereits 1983.
Carl Wilson folgte 1998.
Brian Wilson starb 2025.
Von der klassischen frühen Besetzung leben heute noch Mike Love, Al Jardine und David Marks.
Bruce Johnston gehört seit 1965 zur Geschichte der Band.
Eine Bühne mit allen noch lebenden zentralen Mitgliedern wäre theoretisch also möglich.
Ob es dazu kommt, ist angesichts von Mike Loves Gesundheitszustand jedoch vollkommen offen.
Vielleicht muss dieser eine Abend deshalb gar nicht größer werden
Und vielleicht braucht es auch gar nicht zwingend noch eine große Reunion-Tour.
Der Auftritt in Cerritos hatte gerade deshalb etwas Besonderes, weil er offensichtlich nicht wie ein gigantisches Comeback inszeniert wurde.
Ein paar Gäste kommen auf die Bühne.
Alte Freunde spielen Songs.
Marilyn Wilson singt ein Stück von 1977.
David Marks spielt wieder jene Gitarrenparts, die er als Teenager aufgenommen hat.
Bruce Johnston steht nach mehr als einem Jahrzehnt wieder neben Jardine.
Dean Torrence taucht ebenfalls auf.
Und plötzlich entsteht für ein paar Stunden etwas, das man kaum planen kann.
Beach-Boys-Geschichte wird noch einmal lebendig – nicht als Museum, sondern auf einer Bühne.
60 Jahre nach „Good Vibrations“ sind die guten Schwingungen offenbar immer noch nicht ganz verschwunden.
Quellen
Al Jardine – Offizielle Website: „Al Jardine reunites with Bruce Johnston, David Marks & Dean Torrence“
Offizielle Zusammenfassung des Konzerts vom 11. Oktober 2026 mit David Marks, Bruce Johnston, Marilyn Wilson-Rutherford, Carnie Wilson und Dean Torrence sowie der ersten Liveaufführung von „It’s a Beautiful Day“. Al Jardine Official Website
Al Jardine – News
Al Jardine – Offizielle Website: 60 Jahre „Good Vibrations“
Hintergrund zur aktuellen Tour und zum Jubiläum von „Good Vibrations“, das am 10. Oktober 1966 veröffentlicht wurde. Al Jardine Official Website
Al Jardine – Offizielle Website
Rolling Stone – „Mike Love und Al Jardine von den Beach Boys spielen gleichzeitig historische Shows“, 13. Oktober 2026
Ausführlicher Bericht über beide Konzerte, die Wiedervereinigung von Jardine, Johnston und Marks sowie die Gastauftritte und Setlist in Cerritos. Rolling Stone
Rolling Stone – Historische Beach-Boys-Shows
Rolling Stone – Interview mit Al Jardine, 14. Oktober 2026
Jardines Rückblick auf das Wiedersehen mit Bruce Johnston und David Marks sowie seine Reaktion auf Mike Loves aktuellen Gesundheitszustand. Rolling Stone
Rolling Stone – Al Jardine über Reunion und Mike Love
The Beach Boys – „Good Vibrations Turns 60“, 12. Oktober 2026
Offizielle Beach-Boys-Seite zur Geschichte und zum 60. Jubiläum der Single „Good Vibrations“. The Beach Boys