Nach „Brat“ einfach die nächste große Clubtour spielen?
Für Charli xcx wäre das offenbar zu einfach gewesen.
Mit ihrer aktuellen „Music, Fashion, Film Tour“ versucht die britische Musikerin stattdessen, die Grenzen zwischen mehreren Bereichen ihrer Karriere endgültig aufzulösen.
Musik wird zum Laufsteg.
Mode wird Teil der Choreografie.
Und die gesamte Show soll sich gleichzeitig wie ein Film anfühlen.
Das Ergebnis ist weniger eine klassische Pop-Tour als ein großes visuelles Gesamtkonzept.
Der Club wird gegen den Laufsteg getauscht
Mit „Brat“ hatte Charli xcx 2024 eine Ästhetik geschaffen, die unmittelbar mit Clubs, Raves, grellem Grün und bewusst roher Energie verbunden war.
„Music, Fashion, Film“ setzt nun an einem völlig anderen Punkt an.
Die neue Show wirkt kontrollierter, dunkler und deutlich stärker durchinszeniert.
Charli selbst bezeichnete das Konzept im Gespräch mit Pitchfork als wesentlich „filmischer“ als ihre bisherigen Produktionen.
Statt einfach das Gefühl eines Clubs in eine Arena zu übertragen, soll jede Szene wie ein eigenständiges Bild funktionieren.
Eine riesige schwarze Pyramide bildet die Bühne
Schon das Bühnenbild macht deutlich, dass sich die neue Produktion von früheren Shows unterscheidet.
Im Mittelpunkt steht eine große schwarze Konstruktion aus mehreren Ebenen.
Die Gerüststruktur steigt pyramidenförmig nach oben und wird von einem überdimensionalen Lautsprecher gekrönt.
In der Konstruktion befinden sich gleichzeitig Flächen für die Musiker, Aufgänge, Plattformen sowie Bereiche für schnelle Kostümwechsel und Teile der Produktion.
Damit ist die Bühne nicht nur Hintergrund.
Sie wird selbst zum Bestandteil der Performance.
Charli, die Band und die Tänzer bewegen sich während des Abends durch unterschiedliche Ebenen der Konstruktion und verändern dadurch ständig das Bild.
Rund 20 Tänzer werden zu Models
Noch deutlicher zeigt sich die Verbindung zur Mode bei den Tänzern.
Für das neue Konzept arbeitet Charli mit rund 20 Tänzerinnen und Tänzern.
Allerdings treten sie nicht ausschließlich wie eine klassische Dance-Crew auf.
Bei mehreren Songs bewegen sie sich über die Bühne wie Models auf einer Modenschau.
Besonders bei „Card Declined“ wird der vordere Teil der Bühne praktisch zum Catwalk.
Die Idee entstand nicht zufällig.
Charli erklärte, dass sie schon lange fasziniert davon sei, wie Musik innerhalb einer Fashion Show wirkt.
Gerade besonders konsequent inszenierte Modenschauen könnten Songs nach ihrer Wahrnehmung selbstbewusster und kraftvoller wirken lassen.
Dieses Gefühl wollte sie auf ihre eigene Bühne übertragen.
„SS26“ war praktisch der erste Test
Eine wichtige Vorlage für das Tourkonzept lieferte bereits das Musikvideo zu „SS26“.
Der Clip ist selbst wie eine Modenschau aufgebaut.
Darin taucht eine ganze Reihe bekannter Persönlichkeiten aus der internationalen Fashion-Szene auf – darunter Designer, Models, Stylisten und Kreative.
Mit dabei sind unter anderem Anthony Vaccarello, Carine Roitfeld, Debra Shaw und Loïc Prigent.
Genau dieses Spiel mit der Modewelt wird auf der Tour weitergeführt.
Charli steht nicht einfach vor Tänzern.
Sie bewegt sich mitten durch eine inszenierte Fashion Show.
Zum ersten Mal mit großer Live-Band
Gleichzeitig verändert sich auch die musikalische Seite der Show.
Die aktuelle Produktion setzt stärker auf eine Live-Band als viele ihrer früheren Tourneen.
Drums, Bass, Gitarren und Synthesizer werden in die mehrstöckige Bühne integriert.
Das passt zum Sound des neuen Albums.
Denn auch musikalisch hat „Music, Fashion, Film“ den direkten Club-Pop von „Brat“ nicht einfach fortgesetzt.
Songs wie „Rock Music“ arbeiten stärker mit verzerrten Gitarren und Rockelementen, ohne Charlis elektronische Wurzeln komplett hinter sich zu lassen.
Das neue Album bildet das Zentrum
„Music, Fashion, Film“ erschien am 24. Juli 2026 und ist Charli xcx’ achtes Studioalbum.
Schon der Titel beschreibt ziemlich präzise, wo sie sich derzeit künstlerisch sieht.
Musik bleibt zwar der Ausgangspunkt.
Mode und Film sind aber längst keine Nebenprojekte mehr.
Charli tritt zunehmend als Schauspielerin auf, entwickelt Filmprojekte, produziert und arbeitet mit Regisseuren zusammen.
Ihre aktuelle Live-Show soll all diese Bereiche nun in einer einzigen Produktion zusammenbringen.
Auch „Brat“ verschwindet nicht
Wer allerdings erwartet, dass Charli ihre vergangenen Hits mit Beginn der neuen Ära komplett aussortiert, wird enttäuscht.
Die Show verbindet mehrere Phasen ihrer Karriere.
Neben neuen Songs wie „Rock Music“, „Card Declined“, „Camera“, „SS26“ oder „No One Lasts Forever“ stehen weiterhin Stücke aus der „Brat“-Ära auf der Setlist.
Dazu gehören unter anderem:
„360“, „365“, „Von dutch“, „Guess“, „Sympathy Is a Knife“ und natürlich „Apple“.
Auch ältere Fan-Favoriten wie „Track 10“, „pink diamond“ oder „party 4 u“ tauchen wieder auf.
Damit versucht die Show nicht, „Brat“ zu verdrängen.
Sie ordnet diese Phase stattdessen in ein größeres Bild ein.
Sogar „Wuthering Heights“ wird integriert
Hinzu kommen Songs aus Charlis Arbeit am „Wuthering Heights“-Soundtrack.
Besonders „House“ bildet einen der dramatischsten Abschnitte der aktuellen Produktion.
Aufgezeichnete Stimmen und filmisch inszenierte Übergänge verbinden diesen Teil mit dem Rest der Show.
Auch „Dying For You“ gehört inzwischen zum Live-Programm.
Dadurch wirkt die Tour fast wie eine Zusammenfassung dessen, womit sich Charli in den vergangenen Jahren beschäftigt hat.
Pop.
Clubmusik.
Rock.
Film.
Mode.
Und immer wieder die Frage, welche Rolle sie selbst innerhalb all dieser Welten spielt.
David Cronenberg wird Teil der Show
Selbst Regisseur David Cronenberg taucht indirekt auf.
Während der Performance werden Ausschnitte aus einem gesprochenen Beitrag Cronenbergs eingesetzt.
Seine Stimme begleitet insbesondere die existenzielleren Momente des Konzerts.
Dabei geht es um Vergänglichkeit, Kunst und darum, was von einem Künstler zurückbleibt.
Das passt zum neuen Album.
Denn hinter der glänzenden Popoberfläche beschäftigt sich „Music, Fashion, Film“ auffällig häufig mit Ruhm, Selbstbild und der Frage, wie lange eine kulturelle Phase überhaupt bestehen kann.
Weniger CGI, mehr echte Bühne
Interessant ist außerdem, dass die Produktion trotz ihres filmischen Anspruchs nicht hauptsächlich auf riesige digitale Effekte setzt.
Stattdessen arbeiten Charli und ihr Team stark mit realen Bühnenbildern, Licht, Rauch, Feuer, Stroboskopen, Kameraperspektiven und den Bewegungen der Menschen auf der Bühne.
Gerade dadurch bekommt das Ganze einen eher rohen Charakter.
Die Konstruktion darf wie eine Konstruktion aussehen.
Gerüste bleiben sichtbar.
Licht scheint teilweise direkt durch die Metallstruktur.
Die Illusion wird also nicht komplett versteckt.
Die Inszenierung weiß, dass sie eine Inszenierung ist
Genau dieser Punkt scheint eines der wichtigsten Elemente des Konzepts zu sein.
Die Show versucht nicht permanent, ihre eigene Künstlichkeit zu verstecken.
Im Gegenteil.
Charli spielt damit.
Das Publikum sieht eine riesige Popproduktion – gleichzeitig werden aber Teile ihrer Mechanik offengelegt.
Bühne, Kameras, Licht und Fashion funktionieren nicht nur als Mittel zum Zweck.
Sie werden selbst Bestandteil der Aussage.
Das passt wiederum zu Charlis aktuellem Umgang mit Popstar-Ruhm.
Nach dem enormen Erfolg von „Brat“ beschäftigt sie sich stärker damit, wie eine öffentliche Figur überhaupt entsteht.
„Brat“ wurde fast zur Karikatur
Charli hat selbst beschrieben, dass sie nach dem enormen Erfolg von „Brat“ zunehmend das Gefühl hatte, von außen auf einige wenige Eigenschaften reduziert zu werden.
Party.
Drogen.
Sonnenbrillen.
Clubkultur.
All diese Dinge seien durchaus ein Teil von ihr – aber eben nicht ihre gesamte Persönlichkeit.
„Music, Fashion, Film“ wirkt deshalb auch wie der bewusste Versuch, dieses Bild wieder aufzubrechen.
Die Botschaft ist ziemlich klar:
Nach „Brat“ kommt nicht einfach „Brat 2“.
Die bislang größte Charli-Produktion
Auch hinter den Kulissen ist der Aufwand erheblich größer geworden.
Pitchfork begleitete die Vorbereitungen und berichtete von einer Crew von rund 110 Personen, zahlreichen Tourbussen und mehr als zwei Dutzend Trucks während der Produktionsphase.
Damit ist „Music, Fashion, Film“ die bislang größte Live-Produktion in Charlis Karriere.
Zum Vergleich:
Noch vor wenigen Jahren galt sie trotz einer extrem loyalen Fangemeinde eher als Popkünstlerin mit Kultstatus.
Nach „Brat“ füllt sie nun Arenen.
Die ersten Shows zeigen das neue Konzept
Erstmals in seiner vollständigen Form war die Produktion rund um Charlis Festivalauftritte im Sommer zu sehen.
Beim Reading Festival bestand die Bühne beispielsweise aus dem großen mehrstöckigen Gerüst samt Lautsprecherkonstruktion.
Dort bewegten sich Tänzer wie Models über die Bühnenflächen, während Charli zwischen Band, Catwalk und unterschiedlichen Ebenen wechselte.
Kritiken beschrieben die Produktion als bewusst stilisiert und cineastisch.
Gerade die Schlussphase mit „No One Lasts Forever“ wurde dabei als einer der stärksten Momente der Show hervorgehoben.
Heute geht es beim Austin City Limits weiter
Aktuell befindet sich Charli mitten im amerikanischen Teil ihrer Tour.
Am heutigen 2. Oktober steht zunächst das Austin City Limits Music Festival auf dem Programm.
Danach folgen unter anderem Arena-Shows in Atlanta und San Diego.
Am 17. und 18. Oktober spielt Charli zwei Abende im Kia Forum in Los Angeles.
Das vorläufige Finale des US-Abschnitts findet am 23. Oktober in Las Vegas statt.
Bei den regulären Arena-Terminen ist underscores als Support dabei.
2027 kommt das Konzept nach Europa
Das Livekonzept endet allerdings nicht mit den USA.
Für Februar 2027 wurden bereits weitere Shows angekündigt.
Unter anderem stehen Glasgow, Manchester und zwei Abende in der Londoner O2 Arena auf dem Plan.
Danach geht es nach Amsterdam und Paris.
Damit wächst „Music, Fashion, Film“ zunehmend von einer klassischen Albumtour zu einer eigenen Live-Ära.
Das Popkonzert als Fashion-Film
Vielleicht beschreibt genau das am besten, was Charli gerade versucht.
„Music, Fashion, Film“ ist weder reine Modenschau noch Filmvorführung und natürlich weiterhin in erster Linie ein Konzert.
Doch die drei Welten sollen sich gegenseitig beeinflussen.
Ein Song wird anders wahrgenommen, weil Models dazu über einen Catwalk laufen.
Eine Performance wirkt filmischer, weil sie wie eine einzelne Szene inszeniert wird.
Und Mode funktioniert nicht nur als Bühnenkostüm, sondern als Bestandteil der Erzählung.
Nach dem kulturellen Ausnahmezustand rund um „Brat“ hätte Charli xcx problemlos versuchen können, denselben Moment noch einmal zu reproduzieren.
Stattdessen baut sie sich gerade die nächste Welt.
Und dieses Mal besteht sie aus Music, Fashion, Film.
Quellen
- Live Nation: Offizielle Ankündigung der „Music, Fashion, Film Tour“, US-Termine, Support durch underscores sowie Veröffentlichung des gleichnamigen Albums. Live Nation Newsroom
- Pitchfork: Umfangreiche Begleitung der Tourvorbereitungen mit Details zu Bühne, Live-Band, rund 20 Tänzern, Catwalk-Konzept, Crew und Charlis Aussagen zur filmischen Ausrichtung der Show. Pitchfork
- NME: Live-Review vom Reading Festival mit Bühnenaufbau, Fashion-Inszenierung, Setlist sowie Integration von „Brat“, „Music, Fashion, Film“ und „Wuthering Heights“. NME
- The Guardian: Review der „Music, Fashion, Film“-Arena-Show und Einordnung des neuen Livekonzepts nach der „Brat“-Ära. Der Guardian
- Vogue: Hintergrund zum „SS26“-Video als inszenierter Fashion-Runway und zu den zahlreichen Persönlichkeiten aus der Modewelt im Clip. Vogue
- Charli xcx: Offizieller „Music, Fashion, Film“-Film, von Charli selbst inszeniert, veröffentlicht am 24. Juli 2026. YouTube
- Live Nation: Aktuelle Tourtermine im Oktober 2026 sowie die angekündigten Europa-Shows für Februar 2027. www.livenation.de