Plötzlich steht Peven Everett wieder neben Damon Albarn
Manche Gastauftritte funktionieren vor allem deshalb, weil niemand mit ihnen gerechnet hat.
Andere werden besonders, weil hinter wenigen Minuten auf einer Bühne eine viel größere Geschichte steckt.
Beim Gorillaz-Konzert am 8. Oktober 2026 im United Center in Chicago traf ziemlich eindeutig Letzteres zu.
Mitten im Set kam Peven Everett auf die Bühne.
Der Chicagoer Sänger, Produzent und Multiinstrumentalist gehört schon seit Jahren zur erweiterten musikalischen Familie der Gorillaz.
Doch dieses Mal war alles anders.
Denn Everett kämpft seit 2024 gegen Lungenkrebs im Stadium IV und hatte erst wenige Wochen zuvor einen bedeutenden Meilenstein seiner Behandlung erreicht.
Nun stand er wieder vor Tausenden Menschen.
Und sang.
„Strobelite“ wird plötzlich sehr persönlich
Seinen ersten Auftritt des Abends hatte Everett bei „Strobelite“.
Der Song erschien 2017 auf dem Gorillaz-Album „Humanz“ und gehört zu den bekanntesten gemeinsamen Arbeiten von Everett und Damon Albarns virtueller Band.
Everetts Stimme ist ein zentraler Bestandteil des Tracks.
Fast zehn Jahre später wurde die Performance in Chicago nun zu einem Moment, der weit über die eigentliche Musik hinausging.
Fanvideos zeigen einen sichtlich emotionalen Everett auf der Bühne.
Damon Albarn feiert seine Rückkehr gemeinsam mit ihm und nimmt ihn in den Arm.
Für einige Sekunden wirkt das Konzert weniger wie eine gigantische Produktion und eher wie das Wiedersehen alter Freunde.
Später kommt Everett noch einmal zurück
Bei „Strobelite“ blieb es nicht.
Später am Abend kam Everett ein zweites Mal auf die Bühne.
Gemeinsam mit Bootie Brown spielte er mit Gorillaz „Stylo“.
Der Song stammt ursprünglich vom 2010 veröffentlichten Album „Plastic Beach“.
Auf der Studioversion ist neben Mos Def auch Bobby Womack zu hören.
Womack starb 2014.
Bei der aktuellen Liveversion übernahm Everett dessen Gesangsparts.
Damit bekam auch dieser Auftritt eine zusätzliche emotionale Ebene.
Einen Musiker zu vertreten, dessen Stimme untrennbar mit dem Original verbunden ist, wäre ohnehin keine einfache Aufgabe.
Unter Everetts persönlichen Umständen dürfte der Moment noch einmal eine völlig andere Bedeutung bekommen haben.
Der schwerste Auftritt seiner bisherigen Karriere
Nach dem Konzert machte Everett selbst deutlich, wie außergewöhnlich dieser Abend für ihn war.
Er beschrieb die Show sinngemäß als den schwierigsten Auftritt, den er je absolvieren musste.
Trotzdem wollte er für Damon Albarn, Jamie Hewlett und Gorillaz auf die Bühne zurückkehren.
Dass er dabei nicht nur kurz für eine symbolische Verbeugung erschien, sondern zwei komplette Songs sang, macht den Abend umso bemerkenswerter.
Gerade „Stylo“ verlangt stimmlich einiges.
In den Aufnahmen aus Chicago wirkt Everett entsprechend nicht wie jemand, der lediglich „wieder einmal vorbeischaut“.
Er gibt dem Auftritt alles.
2024 kam die Diagnose
Hinter diesem Moment liegen zwei schwierige Jahre.
Bei Everett wurde 2024 Lungenkrebs im Stadium IV diagnostiziert.
Während seiner Behandlung wurde eine Spendenkampagne eingerichtet, um ihn bei den erheblichen medizinischen Kosten zu unterstützen.
Everett musste sich unter anderem einer Chemotherapie unterziehen.
Er sprach später offen darüber, wie stark ihn die Behandlung teilweise körperlich beeinträchtigte.
Über lange Zeit war deshalb überhaupt nicht selbstverständlich, wann und in welchem Umfang er wieder auftreten könnte.
Die Rückkehr auf eine große Bühne wirkt vor diesem Hintergrund entsprechend anders.
Im August klingelte er die Krankenhausglocke
Am 11. August 2026 teilte Everett dann einen wichtigen Moment seiner Behandlung.
Im Northwestern Hospital in Chicago läutete er die Krankenhausglocke.
Diese Zeremonie markiert für viele Krebspatientinnen und -patienten das Ende eines bestimmten Behandlungsabschnitts oder einen wichtigen Behandlungserfolg.
Wichtig ist dabei allerdings:
Das Läuten der Glocke bedeutet nicht automatisch, dass eine Krebserkrankung vollständig überwunden oder geheilt ist.
Auch Everett sprach von einem bedeutenden Meilenstein seiner Behandlung, nicht von einer endgültigen Heilung.
In seiner damaligen Nachricht bedankte er sich bei Ärzten, Pflegepersonal, Familie, Freunden und seinen Unterstützern.
Besonders deutlich wurde dabei, wie wenig selbstverständlich dieser Moment für ihn selbst gewesen war.
Und zwei Monate später steht er vor Tausenden Fans
Keine zwei Monate nach diesem Krankenhausmoment stand Everett nun im United Center.
Die Arena in Chicago gehört zu den größten Veranstaltungsorten der Stadt.
Aus einem Behandlungstag im August wurde damit im Oktober plötzlich wieder eine richtige Konzertnacht.
Licht.
Band.
Publikum.
Und genau jene Songs, mit denen Everett bereits Jahre zuvor Teil der Gorillaz-Geschichte geworden war.
Der Ort passt zusätzlich zu seiner eigenen Biografie.
Everett stammt aus Harvey, Illinois, südlich von Chicago, und ist eng mit der Musikszene der Region verbunden.
Sein Comeback fand damit praktisch vor heimischem Publikum statt.
Peven Everett ist viel mehr als nur ein Gorillaz-Gastsänger
Wer Everett ausschließlich durch „Strobelite“ kennt, sieht allerdings nur einen kleinen Teil seiner Karriere.
Der Musiker spielt zahlreiche Instrumente und bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen House, Soul, Jazz und Dance Music.
Bereits als Jugendlicher spielte er Trompete und trat mit der Jazzsängerin Betty Carter auf.
Später entwickelte er sich zu einer wichtigen Stimme der Chicagoer House- und Dance-Szene.
Besonders bekannt wurde seine Zusammenarbeit mit Roy Davis Jr. beim House-Klassiker „Gabriel“.
Daneben veröffentlichte Everett über Jahrzehnte eine riesige Menge eigener Musik.
Sein Katalog umfasst Dutzende Alben.
Gorillaz sind also nur ein Kapitel einer deutlich größeren Karriere.
Mit Gorillaz verbindet ihn trotzdem etwas Besonderes
2017 wurde diese Verbindung besonders sichtbar.
Für „Humanz“ arbeitete Everett mit Damon Albarn und seinem Team zusammen.
Neben „Strobelite“ war er auch an „Halfway to the Halfway House“ beteiligt.
Anschließend begleitete er Gorillaz zeitweise auch live.
Die Mischung passte gut.
Everetts Stimme bringt Soul und House in den ohnehin schwer einzuordnenden Gorillaz-Sound.
Albarn wiederum arbeitet traditionell gerne mit Musikern aus völlig unterschiedlichen Szenen und Generationen zusammen.
Dadurch entstanden über die Jahre immer wieder Auftritte, bei denen Gorillaz eher wie ein riesiges musikalisches Netzwerk als eine normale Band wirken.
Chicago war dafür erneut ein ziemlich gutes Beispiel.
Chicago bekam gleich mehrere lokale Gäste
Der Abend im United Center war generell stark von Gästen geprägt.
Neben Everett standen unter anderem Jamie Principle und das Hypnotic Brass Ensemble auf der Bühne.
Damit holten Gorillaz mehrere Musiker mit enger Verbindung zu Chicago in die Show.
Bei Everett bekam dieses Prinzip allerdings eine ganz andere emotionale Bedeutung.
Hier ging es nicht nur um einen coolen Überraschungsgast aus der lokalen Musikszene.
Es ging darum, jemanden wieder auf der Bühne zu sehen, dessen Rückkehr lange alles andere als selbstverständlich war.
Bald erzählt sogar ein eigener Film seine Geschichte
Und 2026 bringt für Everett noch einen weiteren besonderen Moment.
Am 30. Oktober feiert beim Doc’n Roll Film Festival in London die Dokumentation „Peven Everett: Voice of a Generation“ ihre Weltpremiere.
Regie führte Denholm Hewlett.
Der rund 100-minütige Film erzählt Everetts Weg vom jungen Jazzmusiker zu einer prägenden Stimme von House, Soul und Dance Music.
Für die Dokumentation wurden seltenes Archivmaterial, Liveaufnahmen und ausführliche Interviews verwendet.
Mit dabei sind unter anderem Damon Albarn, Gorillaz, Yasiin Bey, Moodymann und Bootie Brown.
Dass dieser Film wenige Wochen nach Everetts emotionaler Rückkehr mit Gorillaz erscheint, dürfte ihm unfreiwillig noch einmal eine zusätzliche Aktualität geben.
Ein Konzertmoment, bei dem Musik plötzlich Nebensache wird
Natürlich war das Gorillaz-Konzert in Chicago viel größer als diese beiden Songs.
Die „Mountain Tour“ brachte einen langen Set mit Klassikern, neuer Musik und zahlreichen Gästen auf die Bühne.
Doch manchmal bleiben von einem großen Konzert ausgerechnet wenige Minuten besonders im Gedächtnis.
Peven Everett kam heraus.
Er sang „Strobelite“.
Später sang er „Stylo“.
Damon Albarn nahm ihn in den Arm.
Und plötzlich erzählten zwei Gorillaz-Songs eine Geschichte, die 2017 noch niemand kennen konnte.
Eine Geschichte über Krankheit, Behandlung, Durchhalten – und darüber, wieder genau dort stehen zu können, wo man hingehört.
Auf der Bühne.
Quellen
NME – „Watch Peven Everett make emotional return to the stage with Gorillaz after reaching major milestone in stage 4 cancer treatment“, 14. Oktober 2026
Aktueller Bericht zu Everetts Rückkehr, seiner Erkrankung, dem Behandlungsmeilenstein sowie seinen Auftritten mit „Strobelite“ und „Stylo“ in Chicago. NME
NME: Peven Everetts Comeback mit Gorillaz
Resident Advisor – „Peven Everett shares update on cancer battle“, 12. August 2026
Bericht über Everetts Behandlung von Lungenkrebs im Stadium IV und das Läuten der Krankenhausglocke am 11. August nach einem wichtigen Behandlungsmeilenstein. Resident Advisor
Resident Advisor: Peven Everett über seine Behandlung
Live Nation – Gorillaz: The Mountain Tour, Chicago
Setlist des Konzerts im United Center am 8. Oktober 2026 mit Peven Everett bei „Strobelite“ und gemeinsam mit Bootie Brown bei „Stylo“. www.livenation.pl
Live Nation: Gorillaz 2026
Doc’n Roll Film Festival – „Peven Everett: Voice of a Generation“
Offizielle Angaben zur Weltpremiere am 30. Oktober 2026, Regisseur Denholm Hewlett und zum Inhalt der Dokumentation über Everetts Karriere. docnrollfestival.com
Doc’n Roll: Peven Everett – Voice of a Generation
Barbican – „Peven Everett: Voice of a Generation“
Informationen zu Everetts musikalischer Laufbahn, dem Dokumentarfilm und den beteiligten Interviewpartnern. Barbican
Barbican: Peven Everett – Voice of a Generation