Eigentlich erstaunlich, dass dieses Album nicht längst existiert
John Legend und Pharrell Williams gehören seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den prägendsten Namen amerikanischer Pop-, Soul- und Hip-Hop-Musik. Beide haben unzählige Songs geschrieben, produziert und mit anderen Künstlern zusammengearbeitet. Trotzdem entstand in all dieser Zeit nie ein komplettes gemeinsames Albumprojekt.
Mit „Muse“ holen sie das nun nach.
Wichtig dabei: Es handelt sich offiziell um ein John-Legend-Album, nicht um ein gleichberechtigtes Duoalbum unter beiden Namen. Pharrell Williams ist allerdings so stark beteiligt, dass die Bezeichnung „gemeinsames Projekt“ absolut gerechtfertigt ist. Er produzierte die komplette Platte, schrieb einen erheblichen Teil mit und ist zusätzlich auf mehreren Songs als Gastmusiker zu hören.
Legend selbst findet den Zeitpunkt längst überfällig. Viele Menschen hätten vermutlich ohnehin angenommen, dass beide bereits irgendwann ein vollständiges Album miteinander gemacht hätten. Tatsächlich musste ihre mehr als 20-jährige Freundschaft bis 2026 darauf warten.
Der Auslöser war ausgerechnet das Comeback von Clipse
Die Geschichte von „Muse“ beginnt nicht direkt bei John Legend, sondern bei Clipse. Legend war auf deren Comebackalbum „Let God Sort ’Em Out“ im Song „The Birds Don’t Sing“ zu hören. Produziert wurde das Album von Pharrell Williams.
Legends Gesang auf diesem Stück brachte Pharrell offenbar auf eine größere Idee: Statt nur einen weiteren gemeinsamen Song aufzunehmen, wollte er ein komplettes Album um diese Stimme herum entwickeln.
Kurz darauf meldete er sich bei Legend. Der musste nicht lange überzeugt werden.
Im Januar 2025 trafen sich beide schließlich in Paris und begannen mit den Sessions. Der Aufnahmeort war dabei alles andere als gewöhnlich: Gearbeitet wurde in Pharrells Studio im Hauptquartier von Louis Vuitton, wo er seit 2023 als Men’s Creative Director tätig ist.
Musikproduktion zwischen Modeentwürfen und Paris – für ein John-Legend-Album zumindest nicht der klassische Ausgangspunkt.
John Legend wollte bewusst weg von der sicheren Ballade
Legend weiß natürlich sehr genau, womit ihn die meisten Menschen verbinden. Klavier. Große Stimme. Romantische Balladen. Und spätestens seit „All of Me“ wahrscheinlich ungefähr jede zweite Hochzeit der vergangenen zwölf Jahre.
Genau diese Erwartung wollte er bei „Muse“ bewusst aufbrechen.
Sein musikalisches Repertoire sei eigentlich immer vielfältiger gewesen, erklärte er zur Albumankündigung. Die größten Erfolge hätten allerdings häufig jene Songs gehabt, die von Klavier und Balladen geprägt seien. Dieses Mal wollte er deshalb „die Formel aufrütteln“ und etwas machen, das sich frisch und neu anfühlt.
Dabei geht es nicht darum, plötzlich alles über Bord zu werfen, was John Legend ausmacht. Seine Stimme bleibt natürlich Mittelpunkt des Albums. Pharrell baut darum allerdings einen deutlich anderen musikalischen Rahmen.
Pharrell nennt das Ganze eine „Black James Bond“-Ästhetik
Eine der interessantesten Beschreibungen für „Muse“ stammt direkt aus dem Entstehungsprozess. Legend erklärte, Pharrell habe für das Album eine Art „Black James Bond aesthetic“ im Kopf gehabt.
Das klingt zunächst nach sehr eleganten Anzügen, Martini und einem Auto, das wahrscheinlich deutlich zu teuer ist. Musikalisch steckt aber mehr dahinter.
Das Album verbindet unterschiedliche Traditionen Schwarzer Musik miteinander. Genannt werden unter anderem Gospel, klassische Standards, Doo-Wop, Soul, Afrobeat und Hip-Hop. Statt diese Genres voneinander zu trennen, soll daraus eine moderne, filmisch wirkende Klangwelt entstehen.
Als musikalische Referenzpunkte werden Künstler wie Nina Simone, Nat King Cole und Marvin Gaye genannt – allerdings nicht als nostalgische Vorlage, die einfach kopiert werden soll. Pharrell und Legend wollen diese Einflüsse in einen heutigen Sound übertragen.
„Daylight“ zeigte als erster Song die neue Richtung
Der erste große Vorgeschmack auf das Album war „Daylight“. Legend präsentierte den Song Anfang September zunächst bei der CBS-Sendung „America’s Tailgate“, bevor er offiziell veröffentlicht wurde.
Schon dort wurde deutlich, dass „Muse“ nicht aus 16 Variationen von „All of Me“ besteht. „Daylight“ arbeitet mit einem deutlich rhythmischeren, Afrobeat-inspirierten Fundament und besitzt eine wesentlich leichtere, beweglichere Energie als viele der klassischen John-Legend-Balladen.
Der Titel steht damit ziemlich exemplarisch für die neue Haltung: Legends Stimme bleibt sofort erkennbar, das musikalische Umfeld fühlt sich aber anders an.
Gerade Pharrells Stärke war schließlich schon immer, vertraute Stimmen in Produktionen zu setzen, in denen sie plötzlich anders funktionieren.
„Fireflies“ zeigt die gesellschaftlichere Seite des Albums
Mit „Fireflies“ folgte Ende September ein deutlich ernsterer Song. Pharrell schrieb das Stück und ist darauf auch selbst zu hören.
Das Musikvideo wurde von Paul Hunter inszeniert und verbindet Legends Klavierperformance mit dem Hollywood Cinematic Orchestra mit Bildern aus einer Wohnsiedlung. Thematisch geht es um Ungleichheit, Verlust und Widerstandskraft.
Damit zeigt „Muse“ bereits vor Veröffentlichung zwei sehr unterschiedliche Seiten. „Daylight“ funktioniert eher als beweglicher, heller Song, während „Fireflies“ wesentlich schwerere Themen behandelt.
Gerade diese Spannweite dürfte wichtig werden, wenn Legend tatsächlich das gesamte Spektrum Schwarzer Musiktraditionen abbilden möchte, von dem die offizielle Albumankündigung spricht.
Pharrell ist auf sechs Songs selbst dabei
„Muse“ umfasst insgesamt 16 Tracks. Pharrell bleibt dabei nicht ausschließlich hinter dem Mischpult.
Er ist auf sechs Titeln offiziell als Feature vertreten:
„Muse“, „Her“, „Get Back“, „Are You OK?“, „Next Time“ und „Fireflies“.
Zusätzlich produzierte er das gesamte Album und war am Songwriting beteiligt. Seine Rolle geht damit deutlich über die eines klassischen Gastproduzenten hinaus.
Noch interessanter wird Track zwölf: Bei „Bodies On The Floor“ sind Clipse dabei – also Pusha T und Malice. Damit schließt sich der Kreis zu jenem Album, über das „Muse“ überhaupt erst ins Rollen kam.
Die komplette Trackliste
Die Platte beginnt mit dem Titelsong und endet mit „Sail Off“. Dazwischen befinden sich mehrere kurze Intros, die das Album offenbar stärker als zusammenhängendes Werk strukturieren sollen.
- Muse feat. Pharrell Williams
- Pray For Ya
- Her Introduction
- Her feat. Pharrell Williams
- Daylight
- Get Back feat. Pharrell Williams
- Are You OK? feat. Pharrell Williams
- Under The Bridge Introduction
- Under The Bridge
- Next Time feat. Pharrell Williams
- Bodies On The Floor – Taps Introduction
- Bodies On The Floor feat. Clipse
- Doing Me
- Fireflies feat. Pharrell Williams
- Everything
- Sail Off
Allein die drei kurzen Intro-Stücke zeigen, dass „Muse“ offenbar nicht ausschließlich als lose Sammlung möglicher Singles gedacht ist. Die Abfolge soll eine eigene Dramaturgie bekommen.
John Legend ließ Pharrell diesmal ungewöhnlich viel Kontrolle
Besonders spannend ist, wie sehr Legend bei diesem Projekt offenbar bereit war, seine gewohnte Arbeitsweise zu verändern. Normalerweise schreibt er einen erheblichen Teil seines Materials selbst oder ist stark in den kreativen Prozess eingebunden.
Bei „Muse“ nahm er nach eigener Aussage sogar Songs auf, die Pharrell vollständig geschrieben hatte. Das mache er normalerweise kaum.
Damit übergab Legend seinem Produzenten bewusst mehr kreative Kontrolle als gewöhnlich. Gerade bei einem Künstler, der seit mehr als 20 Jahren erfolgreich seine eigene musikalische Identität aufgebaut hat, ist das keine kleine Entscheidung.
Natürlich lief dabei nicht immer alles vollkommen reibungslos. Legend hat inzwischen auch erzählt, dass es zwischen ihm und Pharrell kreative Meinungsverschiedenheiten gab. Am Ende habe man sich aber darauf verständigt, dass die Musik entscheiden müsse.
Vielleicht ist genau diese Reibung einer der Gründe, warum das Album nicht einfach wie ein weiteres routiniertes John-Legend-Projekt klingen soll.
Nach mehr als 20 Jahren Karriere will Legend sich immer noch etwas beweisen
Legend könnte es sich inzwischen ausgesprochen bequem machen. Er besitzt einen EGOT – hat also Emmy, Grammy, Oscar und Tony gewonnen. Dazu kommen zahlreiche Hits, ausverkaufte Konzerte und ein Musikkatalog, mit dem er vermutlich problemlos den Rest seiner Karriere bestreiten könnte.
Genau das möchte er offenbar nicht.
Er erklärte zur neuen Platte, viele Künstler kämen irgendwann an einen Punkt, an dem sie nichts Neues mehr machen müssten. Man könne einfach die alten Hits spielen und in der Komfortzone bleiben. Für ihn sei es dagegen wichtig, weiterhin mit dem Gefühl zu arbeiten, sich etwas beweisen zu müssen.
„Muse“ sollte deshalb eine gewisse Dringlichkeit besitzen. Nicht einfach ein neues Album, weil wieder ein Album im Veröffentlichungsplan stehen muss, sondern eine Platte, die aus seiner Sicht tatsächlich einen Grund hat zu existieren.
Das ist ein relativ hoher Anspruch für Album Nummer elf.
Und dann ist da natürlich „All of Me“
Legend kann so viel über neue Sounds und musikalische Entwicklung sprechen, wie er möchte – es gibt einen Song, dem er vermutlich nie vollständig entkommen wird.
„All of Me“ erschien 2013 auf „Love in the Future“ und entwickelte sich zum mit Abstand größten Hit seiner Karriere. Der Song erreichte unter anderem Platz eins der amerikanischen Billboard Hot 100 und wurde weltweit zu einem modernen Hochzeitsstandard.
Interessanterweise sagt Legend trotzdem, dass er nicht müde davon sei, das Stück zu singen. Bei einem aktuellen Interview bestätigte er ausdrücklich, dass „All of Me“ für ihn weiterhin kein Song sei, den er widerwillig durch seine Konzerte schleppt.
„Muse“ soll den Klassiker also nicht verdrängen. Die Platte soll eher zeigen, dass John Legend musikalisch deutlich mehr sein kann als der Mann hinter einer der bekanntesten Klavierballaden der letzten Jahrzehnte.
Pharrell bringt selbst eine bemerkenswerte Karriere mit
Und sein Partner für diesen Versuch ist wahrscheinlich einer der wenigen Produzenten, bei denen man tatsächlich erwarten darf, dass dabei etwas Ungewöhnliches entsteht.
Pharrell Williams hat als Teil von The Neptunes, solo und als Produzent an unzähligen prägenden Songs gearbeitet. Seine Credits reichen von Hip-Hop über Pop und R&B bis zu elektronischer Musik und Filmsoundtracks.
Songs und Produktionen für Jay-Z, Britney Spears, Snoop Dogg, Justin Timberlake, Beyoncé, Daft Punk und zahlreiche weitere Künstler gehören zu seiner Karriere. Dazu kommt sein eigener Welthit „Happy“.
Inzwischen arbeitet er parallel in Musik, Film und Mode und verantwortet die Männerkollektionen bei Louis Vuitton.
Dass „Muse“ ausgerechnet in diesem Umfeld in Paris entstand, passt deshalb erstaunlich gut. Das Album ist nicht nur eine Zusammenarbeit zwischen Sänger und Produzent. Es trifft zwei Künstler, die ihre Karrieren längst weit über ein einzelnes kreatives Feld hinaus ausgebaut haben.
„Muse“ erscheint schon in wenigen Tagen
Lange warten müssen Fans inzwischen nicht mehr. „Muse“ erscheint am Freitag, 23. Oktober 2026 über Republic Records.
Das Album wird digital sowie auf CD und Vinyl veröffentlicht. Im offiziellen John-Legend-Shop gibt es außerdem limitierte Varianten und signierte Editionen. Auch in Deutschland wird die Platte über Universal angeboten.
Auf John Legends offizieller Website ist „Muse“ bereits als sein Album für 2026 aufgeführt – neben einer Diskografie, die mit „Get Lifted“ im Jahr 2004 begann.
22 Jahre später scheint er damit bewusst an einen Punkt zurückzukehren, an dem musikalische Neugier wieder wichtiger sein soll als Sicherheit.
Eigentlich ist „gemeinsames Album“ also fast richtig – aber eben nur fast
Bei der Ankündigung liegt eine kleine sprachliche Falle. „Muse“ ist offiziell John Legends neues Album. Es erscheint unter seinem Namen und gehört zu seiner Diskografie.
Trotzdem wäre es ebenso irreführend, Pharrell lediglich als Produzenten in einer Fußnote zu erwähnen.
Er produzierte sämtliche 16 Songs, schrieb maßgeblich mit, ist auf sechs Tracks selbst als Künstler vertreten und entwickelte gemeinsam mit Legend die komplette musikalische Ästhetik.
Vielleicht trifft deshalb die Formulierung „erstes vollständiges gemeinsames Albumprojekt“ am besten.
Nach mehr als 20 Jahren Freundschaft haben John Legend und Pharrell Williams endlich eine ganze Platte miteinander gebaut.
Nicht weil sie es müssten.
Sondern offenbar gerade deshalb, weil beiden irgendwann aufgefallen ist:
Warum haben wir das eigentlich noch nie gemacht?
Am 23. Oktober bekommen wir die Antwort auf die zweite Frage:
Wie klingt es, wenn sie es endlich tun?
Quellen
John Legend – offizielle Website
John Legends Website bestätigt „Muse“ als neues Album mit 16 Titeln, die vollständige Trackliste und Pharrell Williams als Produzenten des gesamten Projekts. John Legend
John Legend – Muse
Universal Music / Republic Records – Albumankündigung, 8. September 2026
Die offizielle Pressemitteilung bestätigt den Release am 23. Oktober, die vollständige Produktion und Co-Autorenschaft durch Pharrell, die Sessions im Louis-Vuitton-Hauptquartier in Paris sowie die Mischung aus Gospel, Standards, Doo-Wop, Soul, Afrobeat und Hip-Hop. Universal Music Canada
Universal Music – John Legend kündigt Muse an
Universal Music – „Fireflies“, 25. September 2026
Bestätigt Pharrell als Autor und Feature des Songs sowie Paul Hunter als Regisseur des Videos. Thematisch behandelt „Fireflies“ Ungleichheit, Verlust und Widerstandskraft. Universal Music Canada
Official Charts – John Legend & Pharrell Williams über „Muse“
Weitere Aussagen zur Entstehung nach Legends Beitrag auf dem Clipse-Album, zu seiner Motivation, die eigene Komfortzone zu verlassen, und zu den musikalischen Referenzen von Nina Simone bis Marvin Gaye. Offizielle Charts
John Legend Official Store – „Muse“
Der offizielle Store bestätigt die 16 Songs, die Pharrell-Features sowie den Gastauftritt von Clipse auf „Bodies On The Floor“. John Legend Official Store
Universal Music Deutschland
Die deutsche Labelseite bestätigt den Veröffentlichungstermin am 23. Oktober 2026 sowie CD-, Vinyl- und digitale Ausgaben. universal-music.de