Es passiert nicht häufig, dass von einem der berühmtesten Alben der Musikgeschichte plötzlich noch unbekannte Songs auftauchen. Stevie Wonder hat genau das jetzt möglich gemacht.
Zum 50. Geburtstag von „Songs in the Key of Life“ veröffentlicht der Musiker mit „Songs in the Key of Life: The EP“ vier Aufnahmen, die während der ursprünglichen Sessions Mitte der 1970er-Jahre entstanden, es damals aber nicht auf das fertige Album geschafft haben.
Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um neu aufgenommene Songs. Zu hören sind Stevie-Wonder-Aufnahmen aus jener kreativen Phase, in der auch Klassiker wie „Sir Duke“, „I Wish“, „Isn’t She Lovely“ und „As“ entstanden.
Fünfzig Jahre später dürfen Fans nun erstmals hören, was damals im Archiv geblieben ist.
Vier Songs aus dem Jahr 1976
Die neue EP enthält vier Titel:
- It’s Easier
- My Life Story of Love
- I Can See the Sun In Late December
- I’m Into Livin’
Stevie Wonder hat die vier Aufnahmen selbst aus seinem Archiv ausgewählt.
Alle Songs wurden von Wonder geschrieben und produziert. Bei „My Life Story of Love“ war außerdem Sängerin und Songwriterin Susaye Greene am Text beteiligt.
Damit stammen die Stücke unmittelbar aus derselben musikalischen Welt wie das ursprüngliche „Songs in the Key of Life“.
Und trotzdem waren sie bislang offiziell nicht erhältlich.
Die Original-Toningenieure kehren zurück
Für die Veröffentlichung wurden die alten Aufnahmen nicht einfach aus dem Archiv gezogen und unbearbeitet veröffentlicht.
Mit John Fischbach und Gary O Adante kehrten zwei Toningenieure zurück, die bereits bei den ursprünglichen Aufnahmesessions beteiligt waren. Sie mischten die vier Stücke für die neue EP neu ab.
Damit soll der ursprüngliche Charakter der Aufnahmen erhalten bleiben, gleichzeitig aber eine Veröffentlichung entstehen, die auch auf heutigen Soundsystemen funktioniert.
Das macht die EP zu einer ungewöhnlichen Mischung aus historischem Archivmaterial und moderner Veröffentlichung.
Stevie Wonder: „Es gibt noch mehr zu hören“
Wonder selbst beschreibt die vier Songs als Teil jener Gedanken und musikalischen Entdeckungen, die ihn während der Entstehung des Albums beschäftigten.
Die Titel seien damals zwar nicht auf dem fertigen Album gelandet, hätten aber trotzdem zu dieser Phase seines Lebens gehört.
Nach einem halben Jahrhundert werden sie nun gewissermaßen nachträglich Teil der Geschichte von „Songs in the Key of Life“.
Gerade deshalb ist die EP mehr als eine Sammlung irgendwelcher unveröffentlichter Demos.
Sie ermöglicht einen neuen Blick auf eine der produktivsten Phasen seiner Karriere.
Veröffentlichung um exakt 4:54 Uhr
Selbst der Zeitpunkt der Veröffentlichung besitzt eine Verbindung zur ursprünglichen Albumproduktion.
Die letzte Studiosession für „Songs in the Key of Life“ endete damals um 4:54 Uhr morgens.
Stevie Wonders langjähriger Bassist Nathan Watts rief zu diesem Zeitpunkt „Fo’FiftyFo’!“ – also „4:54“. Der Ausdruck entwickelte sich anschließend innerhalb des Teams zu einer Art Signal für das Ende einer Studiosession.
Genau 50 Jahre später wurde daraus nun ein neuer Anfang:
Die vier bislang unveröffentlichten Songs wurden am Jubiläumstag in den USA um 4:54 Uhr veröffentlicht.
Ein ziemlich schönes Detail für Fans, die gerne tiefer in die Geschichte eines Albums eintauchen.
Ein Album, das Musikgeschichte schrieb
„Songs in the Key of Life“ erschien ursprünglich am 28. September 1976.
Stevie Wonder war damals gerade einmal 26 Jahre alt – hatte aber bereits eine außergewöhnliche Karriere hinter sich.
Das Doppelalbum entwickelte sich anschließend zu einem seiner wichtigsten Werke und verbindet Soul, Funk, Jazz und Pop mit gesellschaftlichen und persönlichen Themen.
Songs wie „Sir Duke“, „I Wish“, „As“ und „Isn’t She Lovely“ gehören bis heute zu seinen bekanntesten Aufnahmen.
Bei den Grammy Awards 1977 gewann „Songs in the Key of Life“ außerdem die Auszeichnung als Album of the Year.
Für Wonder war es bereits der dritte Gewinn in dieser Kategorie.
Die vier neuen Songs zeigen eine vertraute und doch neue Seite
Gerade deshalb sind die Archivaufnahmen so interessant.
Man hört nicht den Stevie Wonder von heute, der versucht, den Sound von 1976 nachzubauen.
Man hört tatsächlich den Stevie Wonder aus dem Jahr 1976.
Die Songs entstanden in derselben Phase wie das ursprüngliche Album und besitzen entsprechend viele der musikalischen Merkmale dieser Zeit: komplexe Arrangements, Soul, Funk, Jazz-Einflüsse und Wonders charakteristische Melodieführung.
Damit wirken die Stücke gleichzeitig neu und vertraut.
Für langjährige Fans dürfte sich die EP fast so anfühlen, als würde ein bekanntes Album plötzlich vier zusätzliche Räume bekommen, die bislang verschlossen waren.
„Songs in the Key of Life“ wird auch auf der Bühne gefeiert
Mit der EP endet das Jubiläum allerdings noch lange nicht.
Stevie Wonder geht im Herbst mit seiner „Songs In The Key of Life Performances – 50th Anniversary Tour“ auf Tournee.
Das Besondere dabei: Das Album soll bei den Konzerten vollständig live gespielt werden.
Und auch deutsche Fans bekommen zwei Gelegenheiten, dabei zu sein.
Am 24. Oktober 2026 tritt Wonder in der ZAG Arena in Hannover auf. Zwei Tage später, am 26. Oktober, folgt die LANXESS arena in Köln.
Damit liegen zwischen der Veröffentlichung der vier Archivsongs und den Deutschlandkonzerten gerade einmal wenige Wochen.
Kommen die unbekannten Songs ebenfalls auf die Bühne?
Ob die vier neu veröffentlichten Titel bei den Jubiläumskonzerten ebenfalls Teil der Setlist werden, ist bislang nicht offiziell bestätigt.
Die Tour konzentriert sich zunächst auf die vollständige Aufführung von „Songs in the Key of Life“.
Allerdings stammen die neuen Stücke unmittelbar aus denselben Sessions – und wären damit zumindest thematisch die perfekte Zugabe.
Ob Stevie Wonder diese Überraschung tatsächlich auf die Bühne bringt, dürfte sich erst während der Tour zeigen.
Keine klassische neue Stevie-Wonder-Platte
Bei aller Freude über neue Musik ist eine Unterscheidung wichtig:
„Songs in the Key of Life: The EP“ ist kein neues Studioalbum und enthält auch keine aktuell aufgenommenen Songs.
Die vier Stücke lagen rund fünf Jahrzehnte unveröffentlicht im Archiv.
Gerade das macht die Veröffentlichung allerdings außergewöhnlich.
In einer Zeit, in der Deluxe-Versionen und Jubiläumsausgaben häufig bereits bekannte Songs, Remixe oder Liveaufnahmen enthalten, bekommen Wonder-Fans hier tatsächlich bislang ungehörtes Studiomaterial aus einer seiner wichtigsten kreativen Phasen.
50 Jahre später ist der Schlüssel noch nicht umgedreht
Dass ausgerechnet „Songs in the Key of Life“ nach 50 Jahren noch einmal erweitert wird, passt erstaunlich gut zum Album.
Schon das Original war mit seiner langen Spielzeit, unterschiedlichsten Musikstilen und großen thematischen Bandbreite ein außergewöhnlich umfangreiches Werk.
Nun zeigt sich, dass selbst diese Veröffentlichung damals offenbar noch nicht alles enthalten konnte, was Stevie Wonder aufgenommen hatte.
Vier Songs haben ein halbes Jahrhundert darauf gewartet, gehört zu werden.
Seit dem 28. September 2026 sind sie nun offiziell Teil der Stevie-Wonder-Diskografie.
Und vielleicht ist genau das die schönste Überraschung zum 50. Geburtstag von „Songs in the Key of Life“:
Nach fünf Jahrzehnten gibt es tatsächlich noch etwas Neues zu entdecken.
Quellen
- Universal Music: Offizielle Mitteilung zur Veröffentlichung von „Songs in the Key of Life: The EP“, den vier Titeln, dem Jubiläum und der Entstehungsgeschichte um 4:54 Uhr. Universal Music Canada
- Pitchfork: Informationen zur Auswahl der Archivaufnahmen, den beteiligten Musikern und Toningenieuren sowie Stevie Wonders Erklärung zur Veröffentlichung. Pitchfork
- Recording Academy / GRAMMYs: Bestätigung des Grammy-Gewinns von „Songs in the Key of Life“ als Album of the Year bei den Grammy Awards 1977. Grammy
- ZAG Arena Hannover: Informationen zur „Songs In The Key of Life Performances – 50th Anniversary Tour“ und zum Deutschlandkonzert am 24. Oktober 2026. ZAG arena
- LANXESS arena Köln: Informationen zum Konzert am 26. Oktober 2026 und zur vollständigen Live-Aufführung des Jubiläumsalbums.