Es hätte auch einfach ein normales Popalbum werden können. Zwölf Songs, ein paar Singles, eine große Tour – fertig.
Nico Santos entschied sich stattdessen für 18 Songs und zwei klar voneinander getrennte musikalische Welten. „POV“ ist sein viertes Studioalbum und mit rund 53 Minuten gleichzeitig eines seiner umfangreichsten Projekte.
Zwei Platten für zwei unterschiedliche Seiten
Das Grundprinzip von „POV“ ist schnell erklärt.
„Personal“ zeigt den privaten Nico Santos. Hier geht es um Familie, Kindheit, Beziehungen, Verluste und Menschen, die sein Leben geprägt haben. Die Produktionen werden teilweise bewusst kleiner und lassen seiner Stimme und den Geschichten mehr Platz.
„Optimist“ dreht die Stimmung anschließend deutlich auf. Die zweite Seite ist elektronischer, tanzbarer und experimentierfreudiger. Songs wie „CLASSIC“, „WHY DON'T YOU STAY“, „ALL TIME HIGH“, „RAY OF LIGHT“, „optimist“ und „Body“ zeigen die größere Popseite des Albums.
Damit stehen sich nicht einfach eine langsame und eine schnelle Platte gegenüber.
Es sind zwei unterschiedliche Blickwinkel auf denselben Menschen.
„Dear Child“ eröffnet das Album mit seinem Sohn
Der vielleicht persönlichste Moment kommt direkt am Anfang.
„Dear Child“ beginnt nicht mit Nico Santos, sondern mit einer echten Aufnahme seines zweijährigen Sohnes aus dem Familienalltag. Erst danach setzt die Musik ein.
Santos schrieb das Stück als Geschenk an sein Kind. Die Idee dahinter ist fast wie eine musikalische Zeitkapsel: Irgendwann soll sein Sohn hören können, was sein Vater über ihn gedacht und gefühlt hat, als er noch ganz klein war.
Ursprünglich sollte der Song noch direkter „Dear Son“ heißen. Santos entschied sich später jedoch für „Dear Child“, damit sich auch andere Eltern und Familien in der Botschaft wiederfinden können.
Ein Album beginnt im Wohnzimmer
Dass ausgerechnet eine private Aufnahme den Einstieg in ein großes Popalbum bildet, sagt viel über „POV“ aus.
Nico Santos hätte problemlos mit einer der großen Singles beginnen können. Stattdessen hört man zunächst einen Moment, der ursprünglich überhaupt nicht für die Öffentlichkeit aufgenommen wurde.
Gerade dadurch wird der Unterschied zu seinen bisherigen Alben deutlich. „POV“ will nicht nur zeigen, was Nico Santos musikalisch kann – sondern wer hinter der öffentlichen Figur eigentlich steckt.
„Yours, Nico“ wird zur musikalischen Autobiografie
Noch weiter geht er bei „Yours, Nico“.
Der mehr als vier Minuten lange Song erzählt große Teile seines Lebens in Rapform. Santos blickt auf Familie, Jugend, Freundschaften, Verluste und schwierige Phasen zurück.
Eigentlich sollte der Titel ursprünglich gesungen werden. Santos arbeitete bereits vor Jahren an der Idee, doch mit der Zeit kamen immer mehr Geschichten hinzu. Irgendwann wäre daraus schlicht ein viel zu langer klassischer Popsong geworden.
Also begann er zu rappen.
Manche Geschichten hatte er vorher nie erzählt
Dabei geht „Yours, Nico“ deutlich über einen gewöhnlichen Karriererückblick hinaus.
Santos spricht über Erfahrungen, die er teilweise selbst in Interviews bislang nicht öffentlich thematisiert hatte. Dazu gehören schwierige Lebensphasen, familiäre Belastungen und persönliche Verluste.
Das Album bekommt dadurch stellenweise fast Tagebuchcharakter.
Zwischen all den großen Popsongs befindet sich plötzlich ein Musiker, der seine eigene Geschichte erzählt, ohne alles auf eine möglichst perfekte Außenwirkung zu reduzieren.
„Optimist“ darf dagegen laut werden
Nach dieser sehr persönlichen Seite wollte Santos allerdings nicht 18 Songs lang ausschließlich in Erinnerungen und schweren Themen bleiben.
Deshalb gibt es „Optimist“.
Diese Hälfte steht für Hoffnung, Bewegung und das bewusste Festhalten an positiven Momenten – auch wenn rundherum längst nicht alles perfekt ist.
Santos beschreibt die Seite selbst als deutlich experimenteller. In den Sessions wurden Synthesizer ausprobiert, Sounds verändert und Ideen teilweise einfach beibehalten, statt jede Produktion wieder in eine klassische Radioform zu bringen.
„CLASSIC“ gehört zu seinen liebsten Uptempo-Songs
Einer der deutlichsten Vertreter dieser Seite ist „CLASSIC“.
Santos bezeichnete den Song im Vorfeld sogar als eine seiner liebsten Uptempo-Nummern, die er bisher gemacht habe. Der Track steht damit ziemlich genau für die andere Hälfte von „POV“: weniger autobiografisches Tagebuch und mehr große Popproduktion.
Gerade dieser Kontrast ist wichtig.
Denn Santos möchte nicht zwischen dem privaten Menschen und dem Popstar wählen.
Beides gehört zusammen.
Mit Topic und Fireboy DML wird es international
Auch Gäste spielen auf dem Album eine Rolle.
Auf „Body“ arbeitet Nico Santos mit Topic und dem nigerianischen Sänger Fireboy DML zusammen. Gerade Topic ist dabei ein alter Bekannter.
Mit „Home“ hatten Topic und Santos bereits 2016 einen der Songs veröffentlicht, die Nico Santos früh international bekannt machten.
Zehn Jahre später taucht Topic nun wieder auf einem Album auf, das bewusst verschiedene Stationen und Seiten von Santos zusammenführt.
POV bedeutet bei Nico Santos etwas anderes
Die Abkürzung POV kennt man normalerweise als „Point of View“.
Bei diesem Album steckt allerdings noch eine zweite Bedeutung dahinter.
Das P steht für „Personal“, das O für „Optimist“. Beim V bleibt die Sache absichtlich etwas geheimnisvoll.
Im begleitenden Pressetext wird „Voicenotes“ als Begriff verwendet. Gemeint sind frühe Sprachmemos, Melodien und unfertige Gedanken – also die Phase, bevor aus einer Idee überhaupt ein fertiger Song wird. Gleichzeitig lässt Santos diese dritte Ebene bewusst noch nicht vollständig erklären.
Das „V“ zeigt den Anfang der Songs
Dadurch entsteht eine interessante Klammer.
„Personal“ zeigt, wo Nico Santos emotional herkommt.
„Optimist“ zeigt, wohin er musikalisch gehen möchte.
Und „Voicenotes“ steht gewissermaßen für den Moment dazwischen – wenn ein Song noch nicht produziert, gemischt und veröffentlicht ist, sondern nur als Idee auf einem Smartphone existiert.
Damit geht es bei „POV“ tatsächlich um Perspektiven.
Nicht nur musikalisch.
Sondern auch darum, wann man auf einen Song schaut.
Entstanden ist vieles auf Mallorca
Für die Arbeit am Album zog sich Santos mit Menschen, denen er vertraut, auf eine Finca auf Mallorca zurück.
Dort wurde nach eigener Aussage von morgens bis abends ausprobiert, geschrieben und produziert. Nicht jede Session musste sofort einen fertigen Hit liefern.
Gerade dieses Umfeld habe dabei geholfen, einige der ehrlicheren und persönlicheren Momente entstehen zu lassen.
Mallorca ist für Santos dabei ohnehin mehr als ein schöner Produktionsort.
Mallorca ist ein Stück Heimat
Nico Santos wurde 1993 als Nico Wellenbrink in Bremen geboren, wuchs aber größtenteils auf Mallorca auf.
Musik gehörte früh zu seinem Alltag. Sein Vater Egon Wellenbrink ist selbst Musiker und wurde später einem großen Publikum zusätzlich durch seine Auftritte als „Melitta-Mann“ bekannt.
Heute lebt Nico Santos mit seiner Familie zwischen Deutschland und Mallorca.
Dass ausgerechnet dort Teile seines bislang persönlichsten Albums entstehen, passt deshalb ziemlich gut.
18 Songs statt eines sicheren Radioalbums
„POV“ ist auch deshalb interessant, weil Santos eigentlich längst nichts mehr beweisen müsste.
Mehr als eine Milliarde globale Streams, zahlreiche Gold- und Platin-Auszeichnungen und mehrere große Radiohits geben ihm genug Möglichkeiten, einfach ein weiteres möglichst sicheres Popalbum zu veröffentlichen.
Stattdessen gibt es 18 Songs, einen langen autobiografischen Rap, einen Song für seinen Sohn und eine zweite Albumhälfte, auf der er bewusst mehr mit elektronischen Sounds experimentiert.
Das ist nicht unbedingt der bequemste Weg.
Aber vermutlich der interessantere.
Parallel startet bereits die Arena-Tour
Viel Zeit zwischen Albumveröffentlichung und Liveshows gibt es nicht.
Die Arena Tour 2026 startete praktisch parallel zu „POV“. Heute, am 31. Oktober 2026, steht Nico Santos in der LANXESS arena in Köln auf der Bühne.
Danach folgen unter anderem Oberhausen, Braunschweig, Erfurt, Stuttgart, Frankfurt, München, Wien und Zürich.
Die neuen Songs treffen dort auf seinen inzwischen ziemlich großen Hitkatalog.
Nico Santos trifft live auf SANTOS
Besonders spannend ist dabei, dass Santos inzwischen musikalisch gewissermaßen zwei Karrieren miteinander verbindet.
Unter Nico Santos veröffentlicht er überwiegend englischsprachigen Pop.
Unter SANTOS entstanden in den vergangenen Jahren deutschsprachige Songs wie „Leere Hände“, „Himmel leer“ und „Geschlossene Augen“.
Auf der aktuellen Tour sollen beide Welten gemeinsam stattfinden. Songs wie „Rooftop“, „Play With Fire“, „Body“ oder „Ray of Light“ können dadurch direkt neben seinen deutschsprachigen Veröffentlichungen stehen.
2027 geht es draußen weiter
Auch nach den Arenen ist die „POV“-Phase längst nicht beendet.
Für 2027 ist bereits eine „POV: Summer Tour“ angekündigt. Zwischen Juni und September sind Open-Air- und Festivalshows unter anderem in Meersburg, Mainz, Bonn, Bremen, Emmendingen, Berlin, Bochum und am Timmendorfer Strand geplant.
Damit dürfte „POV“ Nico Santos noch weit über die aktuelle Albumveröffentlichung hinaus begleiten.
Das persönlichste Album muss nicht das leiseste sein
Vielleicht ist genau das die Stärke des Doppelalbums.
Persönliche Musik muss bei Nico Santos nicht automatisch bedeuten, dass alle Songs langsam und akustisch werden.
„POV“ kann mit einer Aufnahme seines Kindes beginnen und wenig später einen großen elektronischen Popsong liefern.
Es kann von Verlust erzählen und trotzdem optimistisch bleiben.
Es kann Nico Santos und SANTOS auf derselben Tour zusammenbringen.
Und es kann zeigen, dass mehrere scheinbar widersprüchliche Seiten gleichzeitig wahr sein können.
Zwei Platten, aber nur eine Person
Am Ende steckt genau darin das eigentliche Konzept.
„Personal“ und „Optimist“ sind keine zwei verschiedenen Nico Santos.
Sie gehören beide zu ihm.
Der Vater.
Der Songwriter.
Der Popstar.
Der Mensch, der schwierige Geschichten verarbeitet.
Und der Musiker, der trotzdem einen Song schreiben möchte, zu dem man im Auto laut mitsingen kann.
„POV“ versucht nicht, sich für eine dieser Seiten zu entscheiden.
Es lässt einfach alle gleichzeitig existieren.
Quellen
Nico Santos – offizieller Shop: Veröffentlichung am 30. Oktober 2026, viertes Studioalbum, Doppelalbum mit 18 Songs sowie Aufteilung in „Personal“ und „Optimist“.
Apple Music – „POV“, 18 Songs, zwei Discs und rund 53 Minuten Laufzeit.
Joyn, 29. Oktober 2026 – Albumkonzept, „Voicenotes“, Entstehung auf Mallorca, „CLASSIC“ und Verbindung zur Arena-Tour.
dpa/RND – Hintergründe zu „Dear Child“, „Yours, Nico“ und den autobiografischen Inhalten des Albums.
EVENTIM – Arena Tour 2026 und „POV: Summer Tour 2027“.