Ein ungewöhnliches neues Album der Pet Shop Boys
Neil Tennant und Chris Lowe haben ein Album veröffentlicht, das sich deutlich von einer klassischen Pet-Shop-Boys-Platte unterscheidet.
„A Man From The Future“ ist am 9. Oktober 2026 über Parlophone erschienen und erzählt in acht Kapiteln das Leben und den Tod des britischen Mathematikers und Kryptologen Alan Turing.
Dabei treffen die elektronischen Klänge der Pet Shop Boys auf Streicher, Chor und gesprochene Texte. Statt einzelner Popsongs entsteht so eine zusammenhängende musikalische Erzählung über einen Mann, dessen Arbeit die Entwicklung moderner Computer entscheidend beeinflusst hat.
Acht Stücke erzählen Turings Leben
Die Trackliste folgt verschiedenen Stationen in Turings Biografie.
Los geht es mit „Natural Wonders Every Child Should Know“, anschließend führt „He Dreamed of Machines“ zu Turings früher Faszination für Mathematik und Maschinen.
Mit „The Enigma“ erreicht das Album einen jener Abschnitte seines Lebens, für die Turing heute besonders bekannt ist: Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er in Bletchley Park an der Entschlüsselung deutscher Funksprüche, die mit der Enigma-Maschine verschlüsselt worden waren.
Spätere Titel wie „The Trial“ und „Only in His Death“ beschäftigen sich dagegen mit dem deutlich dunkleren Teil seiner Geschichte.
Ein Genie, das vom eigenen Land verfolgt wurde
Alan Turing wurde 1952 in Großbritannien wegen homosexueller Handlungen verurteilt.
Statt einer Gefängnisstrafe unterzog er sich einer hormonellen Behandlung. Zwei Jahre später starb er im Alter von 41 Jahren.
Dass ein Mann, der zuvor wesentlich zur britischen Kriegsanstrengung beigetragen hatte, aufgrund seiner Sexualität verfolgt wurde, gehört zu den tragischen Widersprüchen seiner Biografie.
Erst Jahrzehnte später begann eine umfassende öffentliche Rehabilitation. 2009 entschuldigte sich der damalige britische Premierminister Gordon Brown offiziell für den Umgang mit Turing, 2013 erhielt er eine königliche Begnadigung.
Genau dieser Kontrast zwischen wissenschaftlichem Genie, gesellschaftlicher Ausgrenzung und später Anerkennung bildet einen zentralen Teil des Albums.
Juliet Stevenson erzählt zwischen den Songs
Für die gesprochenen Passagen konnten die Pet Shop Boys erneut die britische Schauspielerin Juliet Stevenson gewinnen.
Sie führt als Erzählerin durch Turings Geschichte. Grundlage der Texte ist die Arbeit des Mathematikers und Turing-Biografen Andrew Hodges, mit dem Neil Tennant und Chris Lowe das Projekt gemeinsam entwickelt haben.
Auch musikalisch ist „A Man From The Future“ deutlich größer angelegt als eine typische Studioproduktion des Duos.
Zu hören sind das Manchester Camerata Octet, der Chor der Manchester Grammar School sowie weitere Sängerinnen und Sänger. Die Streicher- und Gesangsarrangements stammen von Sven Helbig.
Eigentlich begann das Projekt schon 2014
Ganz neu ist „A Man From The Future“ trotzdem nicht.
Die erste Version des Werkes wurde bereits 2014 bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall uraufgeführt.
Damals begleiteten das BBC Concert Orchestra und die BBC Singers die Pet Shop Boys, während Juliet Stevenson ebenfalls die Erzähltexte übernahm.
Für die jetzt veröffentlichte Albumfassung wurde das Stück allerdings umfassend überarbeitet.
Text und Musik wurden verändert, neue Aufnahmen entstanden und elektronische sowie orchestrale Bestandteile neu miteinander verbunden.
Damit ist das Album keine einfache Veröffentlichung der damaligen Liveaufnahme, sondern eine neue Fassung des Projekts.
Aufgenommen in London, Manchester und Berlin
Für die Produktion arbeiteten die Pet Shop Boys an mehreren Orten.
Neil Tennants Gesang und Juliet Stevensons Erzählpassagen entstanden im Londoner Studio des Duos. Die Streicher des Manchester Camerata Octet sowie der Chor wurden in Manchester aufgenommen.
In Berlin ergänzte Maarten Vos weitere Programmierungen und Synthesizer.
Produziert wurde das Album gemeinsam von den Pet Shop Boys und Sven Helbig. Auch die finale Abmischung und das Mastering führten das Projekt noch einmal nach Deutschland.
Technologie verbindet Alan Turing mit den Pet Shop Boys
Die Wahl Turings als Thema ist für Neil Tennant und Chris Lowe keineswegs zufällig.
Der Mathematiker entwickelte schon in den 1930er-Jahren theoretische Grundlagen dafür, wie Maschinen Informationen verarbeiten können – Ideen, die später entscheidend für die moderne Informatik wurden.
Damit führt eine direkte Linie von Turings Arbeit zu einer Welt, in der elektronische Musik überhaupt erst möglich wurde.
Die Pet Shop Boys haben selbst darauf hingewiesen, dass die Technologie, die ihre Musik seit Jahrzehnten prägt, ohne Pioniere wie Turing kaum vorstellbar wäre.
Mehr musikalische Biografie als klassisches Popalbum
Wer bei einem neuen Pet-Shop-Boys-Album vor allem auf den nächsten großen Synthie-Pop-Hit wartet, bekommt mit „A Man From The Future“ deshalb etwas völlig anderes.
Das Werk bewegt sich zwischen elektronischer Musik, Oratorium, Hörspiel und musikalischer Dokumentation.
Acht Stücke erzählen von wissenschaftlicher Neugier, Krieg, Verfolgung und später Anerkennung.
Und gerade dadurch wird das Album zu einem der ungewöhnlichsten Projekte in der langen Karriere von Neil Tennant und Chris Lowe: Die Geschichte eines Mannes, dessen Ideen unsere heutige digitale Welt mitgeprägt haben, wird mit genau jener elektronischen Musik erzählt, die ohne diese Entwicklung kaum denkbar wäre.
Quellen
Pet Shop Boys – „A Man From The Future“ released today
Offizielle Angaben zu Veröffentlichung, Mitwirkenden, achtteiliger Trackliste und der überarbeiteten Fassung des Werkes. Pet Shop Boys
Offizielle Veröffentlichung der Pet Shop Boys
Pet Shop Boys – The making of „A Man From The Future“
Details zu den Aufnahmen in London, Manchester und Berlin sowie zu Produzenten, Chor, Streichern und weiteren Mitwirkenden. Pet Shop Boys
Making-of zum Album
Pet Shop Boys – „A Man From The Future“
Hintergrund zur Zusammenarbeit mit Alan-Turing-Biograf Andrew Hodges und zur ursprünglichen BBC-Proms-Aufführung von 2014. Pet Shop Boys
Hintergrund zum Projekt