Das verlorene Interview aus dem Jahr 2007
Fast zwanzig Jahre lang schlummerte ein bemerkenswertes Dokument der Popgeschichte in einem Archiv: Ein ausführliches Gespräch mit der britischen Sängerin Amy Winehouse, geführt im Mai 2007 von der Journalistin Ariel Leve in Los Angeles, war bislang nie veröffentlicht worden. Nun hat The Sunday Times das wiederentdeckte Material erstmals zugänglich gemacht. Die Audio-Originalaufnahmen sind zudem Teil einer rund 30-minütigen Episode des Podcasts „The Story“, die am 11. Oktober 2026 erschien und Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Treffens gibt.
Zum Zeitpunkt des Interviews befand sich Amy Winehouse an einem entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens und ihrer Karriere. Sie war gerade einmal 23 Jahre alt, stand jedoch an der Schwelle zum Weltruhm. Ihr zweites Studioalbum „Back to Black“ war im Oktober 2006 auf den Markt gekommen und hatte innerhalb weniger Monate eine beispiellose internationale Erfolgsspirale in Gang gesetzt. Allein in Großbritannien hatte die Platte zu diesem Zeitpunkt bereits die Marke von einer Million verkauften Exemplaren durchbrochen, während in den USA der offizielle Goldstatus erreicht war. Doch trotz des rasant wachsenden Drucks der Öffentlichkeit und des massiven Medieninteresses zeigt das Interview eine Künstlerin, die sich in diesem Moment ganz anderen Themen widmete.
Zwischen Weltruhm und privatem Glück
Das Treffen in Los Angeles fand unter einem ganz frischen emotionalen Eindruck statt: Nur wenige Tage zuvor hatte Amy Winehouse geheiratet. Ihre Vermählung mit Blake Fielder-Civil prägte das Gespräch maßgeblich. Entgegen den Erwartungen, dass eine frischgebackene und international gefeierte Künstlerin über Chartplatzierungen oder den neu erlangten Prominentenstatus sprechen würde, nahm die Beziehung zu ihrem Ehemann einen Großteil der Unterhaltung ein. Winehouse bezeichnete ihn als einen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Die Dynamik dieser Partnerschaft war ohnehin eng mit ihrer Musik verknüpft, da zahlreiche Songs auf „Back to Black“ aus ihren persönlichen Erfahrungen mit Trennung, Sehnsucht und dem anschließenden Wiederzusammenkommen mit Fielder-Civil hervorgegangen waren.
Abseits des Rummels um ihre Person zeigte sich die Sängerin in dem Gespräch erstaunlich bodenständig. Statt über Verkaufszahlen oder PR-Termine zu philosophieren, sprach sie über ganz alltägliche Dinge, die ihr Freude bereiteten. Dazu zählten das Schreiben von Musik, das Kochen für Freunde und – überraschend für einen Popstar auf dem Sprung nach ganz oben – das Putzen ihrer Wohnung. Die zunehmende mediale Aufmerksamkeit für ihr Privatleben kommentierte sie zu jenem Zeitpunkt noch vergleichsweise gelassen. Ariel Leve erinnerte sich im Nachbetracht an eine junge Frau, die im persönlichen Kontakt warmherzig und humorvoll auftrat, dabei jedoch auch sehr konkrete und tief sitzende Unsicherheiten offenbarte.
Ein ungewöhnlich persönlicher Blick auf die junge Künstlerin
Besonders nachdenkliche Töne schlug Winehouse an, als sie auf ihre eigene Endlichkeit und ihr künstlerisches Vermächtnis zu sprechen kam. Im Gespräch erklärte sie, dass ihre größte Angst früher darin bestanden habe, zu sterben, ohne etwas Bedeutendes auf dieser Welt hinterlassen zu haben. Gleichzeitig drückte sie die Zuversicht aus, dass sie durch ihre Musik bereits Spuren hinterlassen habe. Aus heutiger Sicht erhalten diese Aussagen eine tragische und tiefgreifende Dimension: Am 23. Juli 2011 verstarb Amy Winehouse im Alter von nur 27 Jahren. Dass „Back to Black“ zu den wichtigsten und einflussreichsten Alben des 21. Jahrhunderts zählen würde, war während des Interviews im Mai 2007 für sie selbst noch nicht absehbar, auch wenn die kommerziellen Zeichen längst auf Triumph standen.
Das nun veröffentlichte Material schließt eine Lücke in der Dokumentation jener Monate, in denen aus einer talentierten britischen Soul-Sängerin ein global gefeierter Superstar wurde. Es präsentiert die Künstlerin frei von den späteren Verzerrungen durch Paparazzi-Skandale und Boulevardberichterstattung. Stattdessen fungiert das fast zwanzig Jahre lang verschollene Gespräch als Momentaufnahme einer jungen Frau, die im Zenit ihres kreativen Schaffens stand, privat ihr Glück suchte und sich ihrer eigenen musikalischen Bedeutung gerade erst bewusst wurde.