Vier Songs reichen manchmal völlig aus
Es muss offenbar nicht immer ein zwölf Songs langes Album sein.
Die britische Band Pushbike benötigt für ihre neue Veröffentlichung gerade einmal vier Stücke.
Zusammen dauern sie nicht einmal zehn Minuten.
Trotzdem schafft es die am 9. Oktober 2026 erschienene „Little Bastard EP“, ziemlich viele musikalische Ideen in diese kurze Zeit zu quetschen.
Laute Gitarren treffen auf Popmelodien.
Punkenergie kollidiert mit Emo.
Zwischendurch erinnert einiges an britischen Indie der 90er-Jahre.
Und bevor man so richtig verstanden hat, was da gerade passiert, ist die EP auch schon wieder vorbei.
Vielleicht ist genau das Teil ihres Charmes.
Wer steckt hinter Pushbike?
Pushbike kommen aus Exeter im Südwesten Englands.
Die Band besteht aus drei Musikern:
George Gravell übernimmt Gesang und Gitarre.
Niall Ivie singt ebenfalls und spielt Gitarre.
Tom Grogan sitzt am Schlagzeug.
Einen klassischen Bassisten gibt es in dieser Besetzung nicht.
Schon dadurch entsteht ein etwas ungewöhnlicher Sound.
Statt eine traditionelle Rockband einfach nachzubauen, arbeitet das Trio stark mit übersteuerten Gitarren, wechselnden Melodien und einer bewusst rauen Produktion.
Das Ergebnis klingt nicht besonders glatt.
Und soll es offensichtlich auch nicht.
„Pure Hate“ klingt deutlich freundlicher, als der Titel vermuten lässt
Der erste Song der EP heißt ausgerechnet „Pure Hate“.
Wer deshalb drei Minuten aggressive Punkabrechnung erwartet, bekommt allerdings nur einen Teil davon.
Der Track rast zwar mit verzerrten Gitarren nach vorne, gleichzeitig steckt darin eine erstaunlich eingängige Melodie.
Genau dieser Gegensatz zieht sich durch die Musik von Pushbike.
Die Instrumente können laut, kratzig und teilweise beinahe chaotisch werden.
Darüber liegen jedoch Hooks, die deutlich näher an klassischem Pop liegen, als man zunächst erwarten würde.
Das britische Musikmagazin The Guardian beschreibt den Sound deshalb als eine Art Fuzz-Pop-Radau.
Das trifft es ziemlich gut.
Pushbike klingen, als hätte jemand eine sehr eingängige Popband in einen winzigen Proberaum gestellt und anschließend sämtliche Verstärker etwas zu weit aufgedreht.
Punk, Emo, Power-Pop – und trotzdem nichts davon ganz
Eine eindeutige Genre-Schublade funktioniert bei der Band nur bedingt.
Zu ihren Einflüssen gehören Indie-Rock, Second-Wave-Emo, Hardcore und Power-Pop.
Auch amerikanischer Post-Hardcore der 1980er- und 1990er-Jahre hat Spuren hinterlassen.
Gleichzeitig orientiert sich die Gruppe an der britischen Indie-Kultur rund um Labels wie Sarah Records, Cherry Red und die C86-Szene.
Das klingt auf dem Papier nach einer ziemlich wilden Mischung.
In der Praxis funktioniert sie vor allem über eines:
Melodien.
Egal wie verzerrt die Gitarren werden, Pushbike verlieren den Popsong darunter nie vollständig aus den Augen.
„Little Bastard“ dauert kürzer als manche Fahrt zur Arbeit
Die Trackliste ist entsprechend übersichtlich:
„Pure Hate“,
„Rainham Steel“,
„I Am The Pilot“
und „Go Ahead“.
Mehr gibt es nicht.
Alle vier Songs zusammen bleiben unter zehn Minuten.
Die Kürze wirkt allerdings weniger wie fehlendes Material als vielmehr wie ein ziemlich bewusstes Konzept.
Die Songs tauchen auf, machen ordentlich Lärm, liefern ihre Melodie – und verschwinden wieder, bevor sie unnötig in die Länge gezogen werden können.
Wer nach dem vierten Stück denkt: „Moment, das war’s schon?“, dürfte damit ungefähr die gewünschte Reaktion haben.
Denn man kann die EP natürlich einfach noch einmal starten.
Aufgenommen wurde in Bristol
Produziert wurde „Little Bastard“ in Bristol gemeinsam mit Jack Ogborne.
Der Produzent hat zuvor unter anderem mit The New Eves, Nina Winder-Lind und Naima Bock gearbeitet.
Statt die Ecken und Kanten der Band komplett glattzubügeln, bleibt die Aufnahme bewusst roh.
Gitarren dürfen rauschen.
Gesang muss nicht immer perfekt sauber über allem schweben.
Und einige Passagen vermitteln tatsächlich eher das Gefühl eines kleinen Clubs als eines perfekt polierten Studios.
Gerade dadurch bekommt die EP ihre Energie.
Exeter entwickelt seine eigene kleine DIY-Szene
Mindestens genauso interessant wie die Musik selbst ist das Umfeld, aus dem Pushbike kommen.
Exeter gehört nicht unbedingt zu den britischen Städten, die als Erstes genannt werden, wenn es um große alternative Musikszenen geht.
Pushbike und mehrere befreundete Gruppen versuchen gerade, das ein bisschen zu verändern.
Ein wichtiger Mittelpunkt ist dabei der Club The Cavern.
Rund um den Veranstaltungsort ist eine kleine DIY-Szene aus Musikern, Bands, Zines und anderen kreativen Projekten entstanden.
Viele der Beteiligten spielen gleichzeitig in mehreren Bands.
Auch die drei Pushbike-Mitglieder sind noch in weiteren Projekten aktiv.
Musik wird dort offenbar weniger als sauber voneinander getrennte Karriere einzelner Bands verstanden, sondern eher als gemeinsames Netzwerk.
Die eigene Plattenfirma gehört gleich mit dazu
Passend dazu verlassen sich Pushbike nicht ausschließlich auf ein externes Label.
Die Band betreibt mit spinning sister auch ein eigenes kleines Label.
Für „Little Bastard“ arbeitet spinning sister mit The Bird Records zusammen.
The Bird Records wurde von Charlie Wayne, bekannt als Schlagzeuger von Black Country, New Road, und Mita De gegründet.
Das Label konzentriert sich auf neue alternative Künstler.
„Little Bastard“ ist Pushbikes erste Veröffentlichung dort.
Neben der digitalen Version erscheint die EP auch physisch.
Geplant sind limitierte 10-Inch-Vinylplatten und Kassetten.
Eine Kassette zu einer EP, die unter zehn Minuten lang ist, wirkt 2026 schon wieder derart konsequent analog, dass es fast beeindruckend ist.
Gerade tourt die Band durch Großbritannien
Zur Veröffentlichung spielt Pushbike mehrere kleine Konzerte.
Am 13. Oktober stand Brighton auf dem Programm.
Heute, am 14. Oktober, spielt die Band im Aces and Eights in London.
Danach folgen Manchester und Glasgow.
Das passt ziemlich gut zum bisherigen Weg der Gruppe.
Keine riesigen Arenen.
Keine gigantische Popproduktion.
Sondern kleine Clubs, eine eigene lokale Szene und Musik, die offensichtlich dafür gebaut ist, in einem Raum mit schwitzenden Menschen und viel zu lauten Gitarren zu funktionieren.
Der Guardian hat Pushbike bereits auf dem Radar
Dass die Band inzwischen etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt, zeigt unter anderem die britische Presse.
Der Guardian stellte Pushbike aktuell als eine der interessantesten neuen Gitarrenbands vor und widmete der „Little Bastard EP“ einen ausführlicheren Platz in seiner wöchentlichen Musikempfehlung.
Dabei wird insbesondere die Energie der drei Musiker hervorgehoben.
Die Musik wirke fast wie eine Einladung, selbst eine Band zu gründen, einen Flyer zu zeichnen oder irgendwo ein Konzert zu organisieren.
Eigentlich ist das ziemlich nah am ursprünglichen Gedanken von Punk.
Nicht unbedingt musikalisch jede Regel aus den 70ern zu kopieren.
Sondern Menschen das Gefühl zu geben:
Das könnten wir auch machen.
Popmusik muss offenbar nicht sauber klingen
Gerade deshalb ist Pushbike für TODAY.FM interessant.
Denn unter all dem Feedback, den verzerrten Gitarren und dem Punk- beziehungsweise Emo-Unterbau steckt erstaunlich viel Pop.
Nur eben nicht in der üblichen Form.
Keine perfekt programmierte Produktion.
Keine riesigen Synthesizerflächen.
Keine zehn Songwriter pro Refrain.
Stattdessen kommen Melodien durch Gitarrenwände hindurch, der Gesang darf manchmal fast kippen und ein Song kann auch nach zwei Minuten einfach vorbei sein.
Trotzdem bleiben einzelne Hooks erstaunlich schnell hängen.
Vielleicht ist genau das gerade wieder spannend
Gitarrenmusik wurde schon ziemlich oft für tot erklärt.
Und Punk vermutlich mindestens genauso häufig.
Bands wie Pushbike zeigen allerdings, dass die interessantere Frage längst nicht mehr lautet, ob ein bestimmtes Genre noch lebt.
Spannender ist, was junge Bands aus den alten Zutaten machen.
Pushbike nehmen Punk, Emo, Power-Pop und britischen Indie, werfen alles zusammen und bauen daraus etwas, das gleichzeitig vertraut und ziemlich eigen wirkt.
Die „Little Bastard EP“ dauert nicht einmal zehn Minuten.
Aber wer wissen möchte, wie chaotisch Popmusik klingen darf, ohne ihre Melodien zu verlieren, dürfte anschließend wahrscheinlich direkt noch einmal auf Play drücken.
Quellen
The Guardian – „Add to playlist: the fizzing fuzz-pop racket of Pushbike and the week’s best new tracks“, 9. Oktober 2026
Porträt der Band, ihrer Exeter-DIY-Szene, musikalischen Einflüsse und der neuen „Little Bastard EP“. The Guardian
The Guardian – Pushbike und Little Bastard
The Bird Records – Pushbike
Offizielle Labelinformationen zu Pushbike und The Bird Records sowie Bestätigung der Herkunft aus Exeter. The Bird Records
The Bird Records
The Line of Best Fit – „Exeter trio pushbike announce new EP, Little Bastard EP“, 22. September 2026
Angaben zu Besetzung, Produktion, musikalischen Einflüssen, Trackliste und Veröffentlichung. The Line of Best Fit
The Line of Best Fit – Pushbike
Prescription Music PR – Pushbike announce „Little Bastard EP“
Details zur DIY-Szene in Exeter, den physischen Editionen, Produzent Jack Ogborne und den aktuellen Konzertterminen. Prescription Music PR
Prescription Music PR – Pushbike
Release Wave – „Little Bastard EP“, 9. Oktober 2026
Veröffentlichungsdatum, Trackliste sowie Einordnung zwischen Power-Pop, Emo, Indie-Rock und Post-Hardcore. Releasewave
Release Wave – Little Bastard EP