Man hört die ersten Sekunden eines Songs – und irgendetwas daran wirkt sofort vertraut.
Nicht unbedingt, weil man den Titel schon einmal gehört hat.
Manchmal kennt man die Melodie tatsächlich schon seit Jahrhunderten.
Natürlich nicht persönlich. Aber einige der bekanntesten Pop-, Rock- und Hip-Hop-Songs der vergangenen Jahrzehnte greifen musikalische Ideen auf, die ursprünglich von Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart oder Sergei Rachmaninoff stammen.
Und manchmal steckt der klassische Ursprung an Stellen, an denen man ihn überhaupt nicht erwartet.
Ein perfektes Beispiel kommt aus dem deutschen Hip-Hop.
Die Firma – „Die Eine“: Pachelbel versteckt sich im deutschen Rap
Für viele gehört „Die Eine 2005“ von Die Firma zu den großen deutschen Rap-Liebesliedern der 2000er.
Die Geschichte des Songs reicht sogar noch weiter zurück.
Die ursprüngliche Version erschien bereits 1998 auf dem Album „Spiel des Lebens / Spiel des Todes“. 2005 wurde die Geschichte mit einer neuen Version fortgeführt und entwickelte sich zum großen Charterfolg.
Doch hört man unter den Rap-Parts genauer hin, steckt dort eine musikalische Idee, die wesentlich älter ist.
Die Harmoniefolge basiert auf Johann Pachelbels berühmtem Kanon in D-Dur.
Wichtig ist dabei eine kleine Unterscheidung:
„Die Eine“ kopiert nicht einfach eine komplette klassische Aufnahme. Vor allem die harmonische Struktur des Stückes entspricht Pachelbels berühmter Akkordfolge.
Und genau diese Akkorde haben eine erstaunliche Karriere hingelegt.
Pachelbel könnte heimlich einer der erfolgreichsten Pop-Komponisten sein
Der Kanon in D-Dur entstand im Barock und gehört heute zu den bekanntesten Werken klassischer Musik.
Besonders berühmt ist seine immer wiederkehrende harmonische Grundlage.
Sie funktioniert so gut, dass moderne Musiker sie immer wieder aufgegriffen haben.
Die Firma sind deshalb keineswegs allein.
Nur wenige Jahre zuvor nutzte bereits Coolio dieselbe klassische Grundlage.
Coolio – „C U When U Get There“
1997 veröffentlichte Coolio gemeinsam mit 40 Thevz den Song „C U When U Get There“.
Schon das Intro macht die Verbindung zur Klassik kaum überhörbar.
Der Track arbeitet sehr deutlich mit Pachelbels Kanon in D-Dur und überträgt die barocke Harmoniefolge in einen Hip-Hop- beziehungsweise R&B-Kontext.
Streicher treffen auf Beats und Rap.
Das Bemerkenswerte:
Die gleiche musikalische Basis funktioniert bei Coolio völlig anders als später bei Die Firma.
Genau daran lässt sich erkennen, warum solche klassischen Vorlagen für moderne Produzenten so interessant sind.
Eine bekannte Harmonie gibt zwar ein Fundament vor – was darüber gebaut wird, kann trotzdem komplett unterschiedlich klingen.
Maroon 5 – „Memories“
Und Pachelbel war auch im Streaming-Zeitalter noch lange nicht fertig.
2019 veröffentlichten Maroon 5 ihren Hit „Memories“.
Hier geht die Verbindung sogar weiter als bei vielen anderen Songs.
„Memories“ übernimmt nicht nur die charakteristische harmonische Folge des Kanons.
Auch Teile der Gesangsmelodie orientieren sich an melodischem Material aus Pachelbels Werk.
Adam Levines Vocal-Line klingt deshalb möglicherweise schon beim ersten Hören merkwürdig vertraut.
Das ist kein Zufall.
Mehr als 300 Jahre nach seiner Entstehung wurde aus einem Barockstück erneut die Grundlage für einen internationalen Pop-Hit.
Vitamin C – „Graduation (Friends Forever)“
Wer um die Jahrtausendwende die Schule verlassen hat, kennt wahrscheinlich noch einen weiteren Pachelbel-Nachfahren.
„Graduation (Friends Forever)“ von Vitamin C erschien 1999 und wurde vor allem in den USA zu einem klassischen Abschluss-Song.
Auch hier bildet die Melodie von Pachelbels Kanon einen wichtigen Teil des Arrangements.
Damit verbindet ausgerechnet ein Werk aus dem Barock Generationen von Schulabgängern, Hochzeitsgesellschaften, Hip-Hop-Fans und Pop-Hörern.
Nicht schlecht für einen Komponisten, der 1706 gestorben ist.
Sweetbox – „Everything’s Gonna Be Alright“: Bach wird zum 90er-Hit
Ein weiteres besonders deutliches Beispiel stammt aus dem Jahr 1997.
Sweetbox – „Everything’s Gonna Be Alright“ verbindet Hip-Hop-Beats, Gesang und Orchester.
Die berühmte Streicherlinie stammt aus Johann Sebastian Bachs „Air“ aus der Orchestersuite Nr. 3 in D-Dur.
Der klassische Teil ist hier nicht irgendwo versteckt.
Er ist praktisch das musikalische Rückgrat des gesamten Songs.
Gerade deshalb funktioniert die Kombination so gut.
Die ruhige, elegante Streicherfigur bildet einen starken Kontrast zu den modernen Beats und dem Gesang.
Für eine ganze Generation dürfte Sweetbox sogar der erste Kontakt mit diesem Bach-Stück gewesen sein – ohne dass viele Hörer damals wussten, dass die Melodie wesentlich älter ist als der Song.
Nas – „I Can“: Beethoven wird zum Hip-Hop-Beat
2003 machte Nas etwas Ähnliches mit einem der bekanntesten Klavierstücke überhaupt.
Für „I Can“ griff Produzent Salaam Remi auf Beethovens „Für Elise“ zurück.
Die berühmten Anfangsnoten werden in einen Hip-Hop-Loop verwandelt.
Das Original steht im Dreiertakt, für Nas’ Song wird das musikalische Material rhythmisch so angepasst, dass es zum Beat funktioniert.
Das Ergebnis ist faszinierend:
Man erkennt Beethoven praktisch sofort.
Trotzdem wirkt „I Can“ eindeutig wie ein Nas-Song.
Beethoven wird also nicht einfach abgespielt, sondern musikalisch in eine komplett andere Umgebung versetzt.
Little Mix – „Little Me“: Fauré zwischen R&B und Pop
Auch Little Mix haben sich in der Klassik bedient.
Ihre 2013 veröffentlichte Single „Little Me“ greift auf Gabriel Faurés „Pavane“ zurück.
Das 1887 komponierte Werk besitzt eine melancholische, elegante Melodie, die besonders am Anfang von „Little Me“ deutlich zu erkennen ist.
Später tauchen auch harmonische Elemente des Stücks wieder auf.
Interessant ist dabei, wie gut die Stimmung des Originals zum modernen Song passt.
„Little Me“ beschäftigt sich mit Unsicherheit, Selbstvertrauen und dem Blick zurück auf das eigene jüngere Ich.
Faurés melancholische Musik verstärkt genau dieses Gefühl.
Clean Bandit – „Mozart’s House“: Der Titel verrät es schon
Bei Clean Bandit ist der klassische Einfluss weniger versteckt.
Schon der Titel „Mozart’s House“ gibt einen ziemlich deutlichen Hinweis.
Der 2013 veröffentlichte Track enthält Material aus Mozarts Streichquartett Nr. 21 in D-Dur.
Clean Bandit machten genau diese Verbindung zwischen Klassik und elektronischer Musik später zu einem ihrer Markenzeichen.
Streicher, elektronische Beats und Pop funktionieren bei der Band nicht als Gegensätze.
Sie gehören bewusst zusammen.
„Mozart’s House“ macht daraus sogar das zentrale Konzept des Songs.
Billy Joel – „This Night“: Beethoven schreibt am Refrain mit
Eines der schönsten Beispiele findet sich bei Billy Joel.
Der Refrain von „This Night“ basiert auf dem zweiten Satz von Beethovens Klaviersonate Nr. 8 – der „Pathétique“.
Melodie und Harmonie sind so deutlich übernommen, dass Beethoven auf dem Album sogar als Mitautor aufgeführt wird.
Natürlich konnte Ludwig van Beethoven seine Tantiemen nicht persönlich abholen.
Aber musikalisch steht er gewissermaßen neben Billy Joel im Songwriting-Credit.
Das Stück zeigt besonders gut, wie eine Klaviermelodie aus dem späten 18. Jahrhundert problemlos zum emotionalen Refrain eines Popsongs werden kann.
Eric Carmen – „All by Myself“: Rachmaninoff steckt in einer der größten Balladen
Dann wäre da noch eine Ballade, die spätestens durch Céline Dion weltberühmt wurde.
Das Original von „All by Myself“ stammt allerdings von Eric Carmen und erschien 1975.
Für Teile des Songs griff Carmen auf das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninoff zurück.
Genauer gesagt bildet das „Adagio sostenuto“ des zweiten Satzes eine entscheidende musikalische Grundlage.
Die riesige, emotionale Wirkung von „All by Myself“ kommt damit nicht völlig überraschend.
Rachmaninoff war schließlich ziemlich gut darin, große Gefühle in Musik zu verwandeln.
Céline Dion machte Carmens Song 1996 dann für eine weitere Generation zum Welthit.
So führt die musikalische Linie vom russischen Komponisten Rachmaninoff über Eric Carmen bis zu einer der bekanntesten Popstimmen der 90er.
Barry Manilow – „Could It Be Magic“: Ein Popsong beginnt bei Chopin
Auch Barry Manilow schaute für „Could It Be Magic“ ins klassische Notenregal.
Grundlage war Frédéric Chopins Prélude in c-Moll, Op. 28 Nr. 20.
Manilow hatte nach eigenen Angaben Chopin gespielt und entwickelte daraus die Idee für seinen eigenen Song.
Besonders deutlich wird die Verbindung in seiner eigenen Aufnahme:
Chopins Musik rahmt den Song praktisch ein.
Später wurde „Could It Be Magic“ unter anderem von Donna Summer und Take That neu interpretiert.
Damit wanderte Chopins musikalische Idee vom 19. Jahrhundert über die 70er bis mitten in die Boyband-Ära.
Sting – „Russians“: Prokofjew mitten im Kalten Krieg
Bei Stings „Russians“ passt das klassische Vorbild sogar thematisch perfekt.
Der Song von 1985 greift die „Romanze“ aus Sergei Prokofjews Filmmusik „Leutnant Kishe“ auf.
Sting verwendete die russische Komposition in einem Song über die Angst vor einem Atomkrieg zwischen Ost und West.
Die klassische Musik ist hier also nicht einfach nur eine schöne Melodie.
Ihre Herkunft gehört direkt zur Aussage des Songs.
Ein Sample ist übrigens nicht immer ein Sample
Bei solchen Geschichten wird schnell gesagt:
„Der Song hat das klassische Stück gesampelt.“
Technisch ist das nicht immer richtig.
Bei einem Sample wird ein Ausschnitt aus einer existierenden Aufnahme direkt verwendet.
Bei einer Interpolation wird die Melodie oder ein musikalischer Teil dagegen neu eingespielt beziehungsweise neu gesungen.
Und dann gibt es noch Songs, die lediglich eine Akkordfolge oder musikalische Idee übernehmen.
Bei „Die Eine“ ist beispielsweise vor allem Pachelbels Harmoniefolge entscheidend.
Nas’ „I Can“ wiederum nutzt Beethovens „Für Elise“ sehr viel offensichtlicher als wiederkehrendes musikalisches Motiv.
Für uns als Hörer läuft es allerdings häufig auf denselben Moment hinaus:
„Moment mal – diese Melodie kenne ich doch irgendwoher.“
Warum funktioniert klassische Musik Jahrhunderte später immer noch?
Vielleicht ist genau das die spannendste Frage.
Beethoven konnte schließlich nicht wissen, was Hip-Hop einmal sein würde.
Bach kannte keine Synthesizer.
Pachelbel hatte definitiv kein Spotify.
Und trotzdem funktionieren ihre musikalischen Ideen in diesen völlig neuen Welten.
Der Grund liegt häufig darin, dass starke Melodien und Harmonien nicht an eine bestimmte Epoche gebunden sind.
Eine gute Akkordfolge funktioniert mit Streichern.
Aber eben auch mit Drumcomputer.
Eine emotionale Klaviermelodie funktioniert in einem Konzertsaal.
Aber ebenso unter einem Rap-Part.
Klassik war selbst nie so unbeweglich, wie wir manchmal denken
Dazu kommt:
Musiker haben schon immer Ideen anderer Musiker weiterverarbeitet.
Auch klassische Komponisten zitierten, arrangierten oder variierten Werke ihrer Kollegen und Vorgänger.
Bach bearbeitete Musik anderer Komponisten.
Beethoven griff bekannte musikalische Formen auf.
Komponisten schrieben Variationen über bereits existierende Themen.
Die Vorstellung, dass jede musikalische Idee völlig isoliert entstehen müsste, passt deshalb eigentlich gar nicht zur Musikgeschichte.
Pop und Hip-Hop führen diese Tradition mit anderen Werkzeugen weiter.
Pachelbel dürfte trotzdem der heimliche Gewinner sein
Wenn man sich all diese Songs anhört, fällt allerdings ein Name besonders häufig:
Johann Pachelbel.
Sein Kanon in D-Dur taucht seit Jahrzehnten immer wieder in Popmusik auf.
Coolio.
Die Firma.
Vitamin C.
Maroon 5.
Und darüber hinaus noch zahlreiche weitere Songs, die entweder direkt auf das Stück zurückgreifen oder dieselbe berühmte Harmoniefolge verwenden.
Man könnte deshalb fast sagen:
Pachelbel schrieb vor mehr als 300 Jahren eine der langlebigsten Pop-Akkordfolgen aller Zeiten.
Er wusste es nur noch nicht.
Unsere Playlist: Klassik versteckt im Pop
Wer selbst vergleichen möchte, sollte diese Paare einmal direkt hintereinander hören:
- Die Firma – „Die Eine“ / Johann Pachelbel – Kanon in D-Dur
- Coolio – „C U When U Get There“ / Johann Pachelbel – Kanon in D-Dur
- Maroon 5 – „Memories“ / Johann Pachelbel – Kanon in D-Dur
- Vitamin C – „Graduation (Friends Forever)“ / Johann Pachelbel – Kanon in D-Dur
- Sweetbox – „Everything’s Gonna Be Alright“ / J. S. Bach – Air
- Nas – „I Can“ / Beethoven – Für Elise
- Little Mix – „Little Me“ / Gabriel Fauré – Pavane
- Clean Bandit – „Mozart’s House“ / Mozart – Streichquartett Nr. 21
- Billy Joel – „This Night“ / Beethoven – Pathétique
- Eric Carmen – „All by Myself“ / Rachmaninoff – Klavierkonzert Nr. 2
- Barry Manilow – „Could It Be Magic“ / Chopin – Prélude Op. 28 Nr. 20
- Sting – „Russians“ / Prokofjew – Leutnant Kishe
Und plötzlich klingt der klassische Musikunterricht vielleicht ein kleines bisschen anders.
Denn Mozart, Bach und Beethoven sind eben nicht nur Komponisten aus einer vergangenen Zeit.
Manchmal laufen sie noch heute im Radio – wir merken es nur nicht sofort.
Quellen
NDR Kultur: Überblick über klassische Musik als Inspirationsquelle für Pop, Rock und Hip-Hop, unter anderem Nas und Sting.
https://www.ndr.de/kultur/musik/einem-phaenomen-auf-der-spur-gibt-es-mehr-klassik-im-pop,klassikimpop-100.htmlClassic FM: Pop-Songs mit klassischen Vorlagen, darunter Maroon 5, Little Mix, Clean Bandit, Muse und weitere Beispiele.
https://www.classicfm.com/discover-music/pop-songs-sample-based-on-classical-music/Classic FM: Musikalische Analyse von Maroon 5s „Memories“ und Pachelbels Kanon in D-Dur.
https://www.classicfm.com/composers/pachelbel/maroon-5-memories-canon/Classic FM: Billy Joels „This Night“ und die Verbindung zu Beethovens „Pathétique“.
https://www.classicfm.com/composers/beethoven/billy-joel-beethoven-pathetique/PBS – Sound Field: Hintergrund zu Beethovens „Für Elise“ und der Verwendung in Nas’ „I Can“.
https://www.pbs.org/video/why-is-fur-elise-so-famous-and-is-it-overrated-tmpivr/Sweetbox: Offizielle Angaben zu „Everything’s Gonna Be Alright“ und Bachs „Air“.
https://www.youtube.com/watch?v=rzTT5M8zBu4MusicBrainz: Rachmaninoffs zweites Klavierkonzert als musikalische Grundlage von Eric Carmens „All by Myself“.
https://musicbrainz.org/work/ee48e04f-d88e-3562-b5b9-98ceb0d218d1Die Eine – Werk-/Songinformationen: Die Harmoniefolgen von „Die Eine“ und „Die Eine 2005“ entsprechen Pachelbels Kanon in D-Dur.
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Eine